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JOHANN WILHELM SIMLER

1605-1672

Wintergesang

Der kürtzest tag und längste nacht
     den grawen winter bringen:
Die nordenwinde sind mit macht
     auß ihren kammern dringen:
        die ströhm und see

        vor frost und schnee
    sich schliessen allerdingen.

Der grüne wald ist worden kal /
    das bundte feld entkleidet:
kein zam- noch wildes thier zumal
    an seinem ort sich weidet:
        das federheer
        singt auch nicht mehr /
    ein theil von uns wegscheidet.

Das einsam turturtäubelein
    nur seufftzend wird gehöret:
die rabenstimm ist jetz gemein /
    und uns das ghör versehret:
        melancholey
        wohnt allem bey /
    und alle freud zerstöret.

Was lebt und schwebt den winter scheucht /
    und suchet sich zu wärmen:
der kriegsmann selber sich verkreucht /
    und machet keine lärmen:
        das alter jetz
        liebt ofenshitz /
    von wegen kalter därmen.

Der weidmann doch / für seinen spaß /
    das hochgewilde hetzet:
das eiß; wann es wie spiegelglaß;
    die jugend auch ergetzet:
        man metzget eyn
        vil feißte schwein /
    und sich zum wurstmahl setzet.

Der winter; alß des jahres bauch;
    verzehrt was wir erworben
mit saurer arbeit / zum gebrauch
    wann jetz die saat erstorben:
        wann überal
        zu berg und thal
    ist alles wie verdorben.

Also; dem winter gleich; die zeit
    im alter uns verschlinget:
doch ist vom tode nicht befreyt
    der jung / wie hoch er springet:
        drum haltet wacht
        bey tag und nacht /
    und so zum leben dringet!

 

Quelle: http://german.btk.ppke.hu/barocktextsammlung.pdf


© Helmut Schulze, 2006