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JOHANN WILHELM SIMLER

1605-1672

Der ander Herpstgesang.
Jn der weis: Bey mir mein hertz / etc.

1

DJe dritte zeit /
     in jedem jahr / nicht minder zwar
alß andre mich erfrewt:
     sie kommet aufgezogen wann stork und schwalb entflogen /
die sonn der wag nicht weit.

2

Jetz bringt der gart
     vil guter frücht / die man gezücht
nach jedes landes art:
     köl, rüben und limonen / pomrantzen und citronen /
und kütten ungespart.

3

Der biren last
     die äste bukt / und nidertrukt
bis zu der erden fast:
     die schönen äpfel prangen mit ihren roten wangen /
erquiken machen gast.

4

Reiff ist die nuß /
     und fallt hinauß / vom hülsenhauß /
der jugend ohn verdruß:
     was bleibt wird abgeschlagen / aufglesen / heim getragen /
zu mancherley genuß.

5

Die pfersich sind
     ein kinderspeiß / geleicher weiß
die näspel teig und lind:
     die zwetzgen / feigen / kesten / und mandel seind der gästen:
ziparten ißt das gsind.

6

Jnsonderheit
     die edel frucht der räbenzucht
wird flüssig diser zeit:
     der arbeit niemand schohnet / die weil sie trewlich lohnet
mit lust und nutzbarkeit.

7

Die besten fisch /
     den lachs vorab / der fischerknab
bringt reichen leuhten frisch:
     auß weyern / seen / flüssen: der mindern auch geniessen
die armen über tisch.

8

Der weidmann sich
     im feld ergetzt / die hasen hetzt /
und lokt dem lerchenstrich:
     er suchet / mit verlangen / die schnepfe beyzufangen
in garnen listiglich.

9

Der akkermann /
     alß wol vergnügt / das felde pflügt /
und widrum säet an:
     die dürren äst er schneitelt: sein weibe rätst und reitelt
den hanf / so gut sie kan.

10

Die herpstes zeit
     in jedem jahr / nicht minder zwar
alß andre was bedeut:
     das männlich alter merke / zu zeigen in dem werke
des glaubens fruchtbarkeit.

 

Quelle: Marian Szyrocki: (Hrsg.): Lyrik des Barock. Bd. I. Reinbek 1971.


© Helmut Schulze, 2006