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MECHTHILD VON MAGDEBURG

geb. um 1212
gest. 1283 in Helfta

III, 21 Von der helle, wie si drú teil hat. Wie lucifer und sehszehenhande lúte sint gepinet. În wirt kein helfe. Von lucifers cleide.

Ich habe gesehen ein stat,
Ir name ist der ewige hass.
Si ist gebuwen in dem nidersten abgrunde
Von manigerlei steine der
ho(u)ptsúnden.
Die hoffart war der erste stein,
Als es an lucifer ist wol schein.

    Vngehorsami, bo(e)se gitekeit, v´beressen, unkúschekeit, das waren vier stein vil swere, die sante allerersten vnser vatter Adam dar.

Zorn, valscheit und manslaht,
Die drie steine hat caym darbraht.
Lugi, verraten²isse, verzwivelen,
Die sich selben machen liblos [Handschrift: liebkos.- Anm. Gall Morel],

    Mit disen vier steinen mordete sich o(u)ch der arme Judas. Dú súnde von sodoma und valsch helikeit,

Dc sint die notlich winkelstein,
Die an dem werke sint geleit.
    Dú stat ist gebuwet manig jar,
We allen den, die ir hilfe senden dar!
Je me si da hinfúr sendent,
Koment si selber nach, si werdent
Dest mit merer schaden enpfangen.

    Die stat ist alse verkert, dc je die hohsten sint geordent in die niderste, und unedelste stat. Lucifer sitzet in dem nidersten abgrunde mit siner schult gebunden, und im flússet ane vnderlas von sinem fúrigen herzen vs und usser sinem munde alle die súnde, pine, súche und schande, do die helle, dc fegfúr und dis ertrich so jemerlich mitte ist bevangen.
    In dem nidersten teil der helle ist dc fúr und die vinsternisse und stank und eisunge und allerleige pine allergrost, und da sint cristanlúte na iren werken ingeordent. In dem mittelen teile der ist allerleie pine meslichor. Da sint die juden nach iren werken ingeordent. In dem oberosten teil der helle ist allerleie pine allermin²est, und da sint die heiden nach iren werken ingeordent.

Die heiden clagen alsust:
O we, hetten wir gehabet ein ê
So were vns nit eweklich sust gro(e)slichen wê!
Die juden clagen o(u)ch alsus:
O we, hetten wir gotte gevolget an Moyses lere,
So weren wir nit verdampnet alsus sere!
    Die cristan klagent noch mere,
Das sie die grossen ere
Von mu(o)twillen hant verlorn,
Do si Christus mit grosser liebi hette z(o) erkorn.
Lucifer sehen si ane vnderlas mit grossem jamer an,
Und mu(e)ssent offenbar mit all irer schulde nakent fu(e) in gan.
O we, wie schentlich werden si von im emphahn!
Er grússet si grúwelich und spricht bitterlich:
"Ir verflu(o)chten mit mir,
Was fro(e)den suchtent ir hier? [Handschrift: hie. - Anm. Gall Morel]
Joch gehortent ir nie gu(o)t von mir gesagen;
Wie mochtent ir v´ch den²e sowol behagen?"

    So begriffet er den homu(e)tigen allererst und druket in vnder sinen zagel und spricht alsust: Ich bin nit so versunken, ich welle es noch v´ber dich han. Alle die sodomiten varent im dur sinen hals und wonent im in sinem buche. Wen²e er sinen atten zúhet so varent si in sinen buch, wen²e er aber hu(o)stet, so varent si wider vs. Die valschen heligen setzet er in sine schos und kússet si vil grúwelich und spricht: Ir sint min genos. Ich was o(u)ch mit der scho(e)nen valscheit bezogen, danâ sint ir alle betrogen. Den wocherer naget er ane vnderlas, und verwisset im, dc er nie barmherzig wart. Den ro(u)ber bero(u)bet er selber und bevilhet in den²e sinen gesellen, das si in jagen und schlahen und keine erbermede u(e)ber in haben. Der diep hanget mit sinen fuessen vf und ist in der helle ein lúhtevas; die vnseligen sehent doch nit deste bas. Die hie zesamen sint vnkúsche gewesen, die mu(e)ssen vor lutzifer in solicher ahte gebunden ligen; kunt er aber alleine dar, so ist der túfel sin gumpan.
    Die vngelo(u)bigen meister sitzent vor lutzifers fu(e)ssen, vf das si iren vnreinen got reht ansehen mu(e)ssen. Er disputieret o(u)ch mit in, dc si geschant werden mu(e)ssen. Den gitigen frisset er, wan er iemer wolte haben mer. Als er in dan verslukket hat, so tu(o)t er in dur sin zagel varn. Die morder mu(e)ssent blu(o)tig vor im stan, und mu(e)ssent fúrig swert sclege von dem túfel empfân. Die hie des grimen hasses enpflegent, die mu(e)ssent da sin trisemvas wesen, und hangent iemer vor siner nasen. Die hie den v´beratz und den v´bertrank so flisseklich begant, die mu(e)ssent mit ewigem hunger vor Lutzifer stan und essent glúiendige steine. Ir trank ist swebel und bech. Da wirt alles sûr wider su(e)ssen geben, wir sehen wes wir hie pflegen. Der trege ist da mit allen pinen beladen. Der vil arme spilman, der mit hohem mu(o)te súntliche italkeit machen kan, der weinet in der helle me trehnen, den²e alles wassers si in dem mer.
    Ich sah vnder Lucifer der helle grunt, das ist ein hart swarz vlins stein, der sol tragen das werk iemer mere. Alleine die helle hat weder grunt noch ende, si het doch an der ordenunge bede tiefi und ende.
    Wie dú helle brin²et und in sich selber grem²et, und wie die túfele sich mit den selen vnderschlân, und wie si siedent und bratent, und wie si swim²ent und wattent in dem stanke und mu(o)re, und in den wúrmen und in dem pfu(o)le und wi si badent in swebel und bech - das mo(e)gent si selber, noch alle creature, nie mer volle sprechen. Do ich von gotz gnade ane arbeit dise not hett gesehen, do wart mir armen von stanke und von vnirdenischer hitze so vil wê, dc ich nit mohte sitzen noch gan, vnde was aller miner fúnfe sin²e vngewaltig drier tage, als ein mensche den der tunre het gesclagen. Min sele leit do doch keine not, wan si hatte der súhte dar nit braht, die da heisset der ewige tot. Doch were das múglich dc ein reinú sele dabi in were, dc were în ein ewic lieht und ein grosser trost. Wan dú vnschuldige sele mu(o)s von nature iemer lúhten und schinen, wan si ist geborn usser dem ewigen liehte sunder pine. Nim²et si aber des túfels glichnisse an sich, so verlúret si ir scho(e)n lieht.

Mag in der ewigen helle von gebette
Von almu(o)sen, den verdampneten ein einig trost komen,
Dc han ich nit vernomen,
Wan si sint steteklich in so grim²eklichem mu(o)te,
Dc inen grúwelt vor allem gu(o)te.
Na dem jungesten tage sol lucifer
Ein núwe kleid anziehen,
Dc ist gewahsen in sich selben
Vsser dem miste aller vnfletigen súnden,
Die je menschen oder engel brahte in kúnde,
Wan er ist das erste vas aller súnde.
So ist er den²e enbunden,
Und ist doch sin grim²i und sin vreislicheit
An allen selen und in allen túfeln also gemischet,
Das man siner gegenwúrtekeit niena vermisset.

    So sol er sich ze stunden derinten (sic) also gros und sin grans wirt im vil wit; da versluket er mit eime zuge sines atemes in²e die túfel, juden und heiden. Den²och hant si ire volle lon in sinem buche und ir sunderliche hochgezit. We den²e sele und lip! das menschenmunt hievon nit gesprechen mag! Das ist alles niht wider der vnzellicher not, die in da geschiht. Wan werlich ich mag des nit erliden, dc ich so lange gedenke daran als man gesprechen mag Ave Maria. O we, also grúwelich ist es da!
    Die helle hat ein ho(u)bet oben, dc ist also vngefu(e)ge und hat an im vil manig o(u)ge grúwelich, da die flammen vs slahent und die armen selen al vmbevahent, die do in der vorburg wonent, do got adam und ander vnser vetter vs hat genomen. Dc ist nu das gro(e)ssest vegfúr, dar ein súnder mag komen. Da han ich gesehen bischofe, vo(e)gte und grosse herren in langer not mit unzellicher sere. Alle die dar koment, kume hat in got die ewige helle benomen, wan ich han nieman da funden, der an sinen ende je luter bihte gesprach mit sinem fleischlichen munde. Do în von des todes nature die vsseran sin²e wrden benomen, do lag der licham stille, noch da hatten sel und lip einen willen. Do hatten si verlorn die irdenische vinsternisse, do gab în got in de schulen²e ware bekantnisse! O wie enge ist da der weg z(o) dem himelriche! Do sprach die gemeinschaft libes und sele noch den vngescheiden alsust: Warer got, begnade mich, min súnde sind mir werlichen leit. Das ist ein kurze stunde, in der hat got vil manig offenbar verloren sele heimlichen widerfunden. Ich han des nit funden, dc dis je menschen geschehe, er hette etwas gu(o)tes mit gu(o)tem willen getan. Die túfel fu(e)rent die befleketen selen von dem licham zu(o) dem vegefúr, wan die reinen engel mo(e)gent si nit beru(e)ren, diewile si in einer klarheit inen nit gelich schinent.

Ein sele mag aber in ertrich die helfe han von frúnden,
Das es die túfel wol bewaren,
Das si die túfel jemer angenaren.
Ist si sere schuldig, si mu(o)s doch andere pine haben,
Das mag si alles bas betragen,
Wan dc si die túfele mu(e)stin gevangen
Und ane vnderlas ze spotte haben.

    Do vnsere heilige vettere zu(o) der helle fu(o)ren, das si mit în brahten, dc was ware hoffunge in kristan gelo(u)ben mit heliger gotzliebiu vnd vil manigi diemu(e)tigú tugent und getrúwi arbeit. Alle fu(o)ren si zu(o) der helle, si waren doch zu(o) dem himelrich bereit; do mohte inen in der helle nit gewessen, das si mit în brahten, dc mu(e)ste si da bren²en. Dc was die min²e, die sol eweklich bren²en in allen gotzkinden.

Komen si zu(o) dem himelrich niemer,
Dis hat got alsust gemessen:
Was wir mit uns hinan fu(e)ren,
Das mu(e)ssen wir da trinken und essen.
Aber die versumeten, die mit so grossen súnden
Nu vngewandelt von hinan varent,
Die mo(e)gent es niene vnverdampnet han so bo(e)se,
So vor der helle munde,
Da ze allen stunden
Lucifers atem mit aller pine ussclât,
Und si so jemerlich durgat,
Dc die armen so sere vereinet sint
In der flam²e und in dem manigvaltigen grim²e,
Als die vil seligen vereinet warent
In der suessen bekanten gotzmin²e.
Ich sach da aller fro(u)wen nit mere
Dan die hohen fúrsten, die hie allerleie súnde
Glich mit den fúrsten min²eten.
Dú helle hat o(u)ch oben vf irem ho(u)bet einen munt.
Der stat offen ze aller stunt.
Alle die in den munt komen,
Den wirt der ewig tot niemer me benomen.

Text nach: Offenbarungen der Schwester Mechthild von Magdeburg oder Das Fliessende Licht der Gottheit. Aus der einzigen Handschrift des Stiftes Einsiedeln herausgegeben von P. Gall Morel. Reprogr. Nachdruck der Ausgabe Regensburg 1869. Darmstadt 1980

Anmerkungen zur Transkription:

"(e)" = e über dem vorhergehenden Buchstaben
"(o)" = o über dem vorhergehenden Buchstaben
"(u)" = u-ähnlicher Bogen über dem vorhergehenden Buchstaben
"v´" = v mit Akzent
² = Verdopplung anzeigender Strich über dem vorhergehenden Buchstaben


© Helmut Schulze, 2003