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MECHTHILD VON MAGDEBURG

geb. um 1212
gest. 1283 in Helfta

II, 26 Von diseme bu(o)che und von deme schriber dis bu(o)ches.

Ich wart von disem buche gewarnet,
Und wart von menschen also gesaget;
Wolte man es nit bewaren,
Da mo(e)hte ein brant úbervaren.
Do tet ich als ich von kinde han gepflegen;
Wen²e ich betru(e)bet je wart, so mu(o)ste ich beten.
Do neigete ich mich ze minem liebe und sprach:
Eya herre, nu bin ich betru(e)bet,
Dur din ere sol ich nu ungetr
o(e)stet von dir beliben.
So hastu mich verleitet,
Wan du hies mich es selber schriben.
Do offenbarte sich got zehant
Miner trurigen sele, und hielt dis bu(o)ch in siner vordern hant,
Und sprach: lieb minú, betru(e)be dich nit ze verre,
Die warheit mag nieman verbren²en.
Der es mir vs miner hant sol nem²en,
Der sol stercker den²e ich wesen.
Dc bu(o)ch ist drivaltig
Und bezeichent alleine mich.
Dis bermint, dc hie vmbegat
Bezeichent mîn reine wîsse gerehte menscheit,
Die dur dich den tot leit.
Dú wort bezeichent mine wunderliche gotheit,
Dú vliessend von stunde ze stunde
In dine sele us minem go(e)tlichen munde.
Dú stim²e der worte bezeichent minen lebendigen geist
Und vollebringent mit ir selben die rehten warheit.
Nu sîch in allú disú wort,
Wie loblich si mine heimlicheit melden
Und zwifel nit an dir selben.
    Eya herre, were ich ein geleret geistlich man,
Und hettistu dis wenig grosse wunder an im getan,
So mo(e)htistu sîn ewige ere enphâhn.
Wie sol man dir nu das getruwen,
Das du in den vnfletigen pfu(o)l
Hast ein guldin hus gebuwen,
Und wonest da werlich in²e mit diner mu(o)ter
Und mit aller creature
Und mit allem dinem himelschen gesinde.
Herre da kan ich die irdische wisheit nit gevinden.
    Tohter, es verlúret manig wise man sin túres golt
Von verwarlo(e)si in einem grossen herwege,
Da er mitte ze hoher schu(o)le mo(e)hte varen;
Dc mu(o)s jeman vinden.
Ich habe von nature das getan manigen tag.
Wan ich je sunderliche gnade gab,
Da su(o)chte ich je zu(o) die nidersten,
Minsten, heimlichosten stat,
Die hosten berge mo(e)gent nit enpfan
Die offenbarunge minder gnaden,
Wan die vlu(o)t mines heligen geistes
Vlússet von nature ze tal.
Man vindet manigen wisen meister an der schrift,
Der an im selben vor minen o(u)gen ein tore ist.
Und ich sage dir noch me,
Das ist mir vor inen ein gros ere
Und sterket die heligen cristanheit an in vil sere,
Dc der vngelerte munt
Die gelerte zungen von minem heligen geiste leret.
    Eya min herre, ich súfze und gere
Und bitte fúr dinen schribere,
Der das bu(o)ch na mir habe geschriben,
Dc du im o(u)ch welest die gnade geben ze lone,
Die nie menschen wart gelúhen,
Wan herre, diner gabe ist tusend stunt me
Den²e diner creaturen die si mo(e)gent nemen:
    Do sprach vnser herre:
Si hant es mit guldinen bu(o)chstaben geschriben,
Also so(e)nt allú disú wort des bu(o)ches
An irem obersten cleide stan
Eweklich offenbar an minem riche
Mit himelschem, lúhtenden golde
Ober aller ir gezierde wesen geschriben.
Wan dú vrie min²e mu(o)s je das ho(e)hste an dem menschen wesen.
    Die wile dc mir vnser herre disú worte saget,
Do sach ich die herliche warheit
In der ewigen wirdekeit:
Eya herre, ich bitte dich, dc du dis bu(o)ch wellest bewaren
Vor den o(u)gen der valschen vare,
Wan si ist von der helle vnder vns komen.
Sie wart nie us dem himelriche genomen,
Si ist gezúget in lucifers herze
Und ist geborn in geistlichem homu(o)te
Und ist gedruten in dem has
Und ist gewahsen in dem gewaltigen zorne als gros,
Dc si des dunket, dc kein tugent si ir genos.
So mu(e)ssent gottes kinder vndergan
Und mu(e)ssent sich mit der smacheit verdruken lan,
Wellent si die ho(e)hsten ere mit Jesu enpfan.
Ein helige vare
Mu(e)ssen wir uf uns selber
Ze allen stunden tragen,
Das wir uns vor gebresten verwaren.
Ein min²eklich vare
So(e)n wir ze vnsern ebencristanen haben,
So si missetu(o)nt, dc alleine getrúwelich sagen,
So mo(e)gen wir manig unnútze rede bewaren.    Amen.

Text nach: Offenbarungen der Schwester Mechthild von Magdeburg oder Das Fliessende Licht der Gottheit. Aus der einzigen Handschrift des Stiftes Einsiedeln herausgegeben von P. Gall Morel. Reprogr. Nachdruck der Ausgabe Regensburg 1869. Darmstadt 1980

Anmerkungen zur Transkription:

"(e)" = e über dem vorhergehenden Buchstaben
"(o)" = o über dem vorhergehenden Buchstaben
"(u)" = u-ähnlicher Bogen über dem vorhergehenden Buchstaben
² = Verdopplung anzeigender Strich über dem vorhergehenden Buchstaben


© Helmut Schulze, 2003