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THEODOR GOTTLIEB VON HIPPEL

geb. 1741 in Gerdauen (Ostpr.)
gest. 1796 in Königsberg

Rhapsodie.
1763.
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An Herrn von K**.

- - - facit indignatio versus.
Juv.

    Kein Ton zur Elegie, den man nach Regeln fand,
Wenn der Affekten Wuth nicht mehr die Zunge band,
Kein Schwung, den man der Kunst gelehrig abgesehen,
Wenn Schmerzen, die gebraust, gelind wie Zephyrs wehen -
Freund! wie ein Renommist mit nacktem Schwerdte lärmt;
So poltert auch mein Schmerz, der mich aus Mordsucht härmt.
Ich thürm' Projekte auf, geschwind wie Kartenhäuser,
Und les' im Seneka; doch wird mein Schmerz nicht heiser.
Heut' stürmt er an mein Herz; und morgen wüthet er,
Bald sind ihm Thränen g'nug und bald verlangt er mehr.
O Freund! sonst war Dein Arm zu meiner Freistatt offen,
Was, außer Gram und Tod, was hab' ich jetzt zu hoffen?
Du fliehst hinweg von uns, zum bessern Glück verwinkt,
O Schicksal! soll er fliehn? Er flieht - die Muse sinkt.
So sinkt ein Sohn, erweicht von seines Vaters Zähren,
Auf seiner Mutter Grab, sie modernd zu verehren.
Nehmt, Klüfte! wo besorgt kein Landmann Garben bind't,
Kein Schäfer Kränze flicht, kein Dichter Reime find't,
Wo nie ein Pilgrim sich, von Eulen aufgewecket,
Matt von des Tages Last, zum Schlafe niederstrecket;
Nehmt einen Jüngling auf, der, seines Lebens satt,
Gewiß beglückter stirbt, wenn er geklaget hat.
Zeigt seinem trüben Blick nie bei dem Dampf der Sorgen
Der Freude Ebenbild: die Sonne und den Morgen.
Macht, daß der Wiederhall auch Seufzer nicht verhört,
Und im Empfinden treu sie nahen Wäldern lehrt.
Der Lerche spätes Lied hauch' in dem matten Busen
Kein Feu'r zur Dichtkunst auf. Seyd, Eulen, meine Musen.
Wo seyd ihr Jahre hin, da ich am Leitband hing?
Oft fiel, und doch aus Stolz gern ohne Amme ging?
Da ein gestreifter Ball mich zehnmal mehr entzückte,
Als wenn jetzt Colons Welt mir Silberflotten schickte.
Ich pflückte Veilchen ab und steckte sie mir an,
Wenn ich auf's blanke Kleid des Prinzen mich besann.
O Jahre, könnet ihr aus ungemess'nen Schlünden
Der Ewigkeit den Weg zu eurem Liebling finden;
So streift die Fesseln ab und flattert um mein Haupt,
Das, sorgend angelehnt, Cypressenstrauch umlaubt,
Wie wenn hier Boreas Gebüsche abgestreifet,
Und dort des Gärtners Hand nach reifen Trauben greifet,
Wenn keine Wachtel mehr in gelben Stoppeln schlägt,
Und zum gedämpften Feu'r der Landmann Reiser legt,
Wenn keine Nelken mehr, vom Reif getroffen, blühen,
Und alle Grazien von öden Fluren ziehen;
So bricht sich hoffnungsvoll der Schäfer seinen Stab
Und ungeknicktes Rohr zur neuen Flöte ab.
"Hier!" spricht er, "soll mein Mund, beseelt von Frühlingsscenen,
Den halb verlernten Ton sich künftig angewöhnen.
Hier, Flora, wo mein Fuß auf Blumensamen tritt,
Besing' ich deinen Reiz in einem Morgenlied."
Sagt, Jahre, die ihr mir auf Schwingen der Ideen
Im Flügelkleid entflohn, soll ich euch wieder sehen?
Nein, keine Stunde mehr, die viel zu zeitig schlug,
Wenn zum erlaubten Spiel der Unschuld Arm mich trug,
Wenn Lilien in der Hand und Rosen in den Haaren
Zum jugendlichen Fest die Feierkleider waren - -
Freund! meiner Neigung Stolz und meines Herzens Glück,
Sieh treu der Sympathie aus tiefer Fern' zurück.
Vertraut mit jedem Trieb, der hier sich still beweget,
Vernimm mein banges Herz, wenn es verstummt und schläget.
Du! der die Wolken oft von meiner Stirn verweht,
Du weißt kein stockig Blut, das starr in Adern steht,
Wenn kranke Phantasie da vor Gespenstern fliehet,
Wo ein gesunder Mensch nichts Paradoxes siehet.
Kein Hypochonder, Freund! der Sterne sucht und fällt,
Verflucht aus Eigensinn mein Loos in dieser Welt.
Groß durch ein zinsbar Amt, wagt, plump wie ihre Trachten,
Dies Herz, das sie verkennt, die Thorheit zu verachten.
Ein Sprichwort, das ihr Kopf in fremden Sprachen weiß,
Despotisch angeführt, das nennet sie Beweis,
Und willst du ihrem Stolz nach Gründen widersprechen,
Gleich wird sie über dir zehn Richterstäbe brechen.
Man meld' ihr deinen Tod, ihr Zorn zehrt sich nicht ab,
Mit Flüchen springt sie auf, und speit noch auf dein Grab.
Leicht, wie ein Tänzer tritt, mit ausgelernten Mienen,
Erscheint nach ihr der Neid und spricht gebückt: zu dienen.
Er, der für Geld verräth, trägt Tugend im Gesicht,
Späht mein Geheimniß aus und wird ein Bösewicht. -
Doch mein zerstoß'ner Kiel, in Nebel, der hier rauchet,
Mit ungeübter Hand zum Nachtstück eingetauchet,
Trifft tausend Züge nicht der Bosheit und der List,
Und findet meinen Feind gelinder, als er ist,
Würd' sonst der Boden nicht aus Eifer drohend zittern,
Und jener steile Berg, gereizt zum Mitleid, splittern?
Würd' hier der Eulenschwarm nicht zehnmal banger schrei'n
Und die Natur bedacht auf eine Rache seyn?
Ja, Freund - und dürft' ich nur die größten meiner Klagen,
Von Menschen abgezäunt, in langen Seufzern wagen;
So würde dieser Fels durch Thränen gar erweicht,
Und mein gespanntes Herz geheimnißfrei und leicht.
Schweig', unbesonn'ner Mund! fallt leise, treue Zähren!
Ich will mein Leiden nicht durch Bosheitssünden mehren.
Verdammt sey jedes Wort, seyd, Seufzer, seyd verflucht,
Wenn eines unter euch mich zu verrathen sucht.
Ist nicht im Schattenriß, dem tausend Striche fehlen,
Mein Elend schrecklich g'nug, auch Helden zu entseelen?
Wüst, wie Jerusalem von röm'scher Wuth verheert,
Ist mein zerriß'nes Herz der Nachwelt Thränen werth.
Dort blitzt es über mir, hier will der Boden sinken,
Zur Rechten klatscht der Neid, die Bosheit droht zur Linken,
Kein Oel für meinen Schmerz, kein Trostgrund für mein Leid,
Und meine Zukunft schwarz, so wie mein Trauerkleid - - -
Gott! dort, wo Sterne drehn, Gott! hier, wo Würmer schleichen,
Weis keine Kreatur dich, Schöpfer, zu erreichen.
Du riefest Welten auf und Sonnen hauchst du aus,
Wann winkst du meinen Geist aus dieser Welt hinaus?
Wann stockt geronnen Blut in dieses Herzens Wunden?
Wann kommt die Ewigkeit? wann meine letzten Stunden?
Vom eisern Nord bestürmt, sinkt erst ein Pallast ein,
Für meine Hütte wird der Zephyr Sieger seyn.
Fallt, Schuppen! fall hinweg, des Geistes düst're Hülle!
Für diesen Leib ein Grab, das ist mein letzter Wille.
Ein Grab, bei welchem nie ein Jüngling Rosen bricht,
Bei dem kein Schmeichler steht und Panegyren spricht.
Still, wie mein Leben war, entfernt von Rednerklagen,
Die für gesetzten Preis noch Tropen schön verzagen,
Still sey es, wie die Nacht, so still wie dieser Stein. -
Laß, Mutter Erde! mir dein Schoos bald offen seyn!
Mit röchelnd schwacher Brust will ich noch  D o r i s  nennen,
Und wird sie meinen Ton bestürzt im Echo kennen,
Das sie im stillen Thal bei'm Saitenspiele fand;
So fall' die Laute hin aus ihrer zarten Hand.
Nur,  F r e u n d i n , eine Thrän' - mehr darfst du mir nicht schenken;
So lang' ich denken kann, will an  D i c h  gedenken.
Wenn ungewohntes Feu'r in deiner Brust sich regt,
Merk, daß ein Seraph dort nach deinem Schicksal frägt.
Leb' wohl - - Er kommt, der Tod, mein Schutzgeist ihm zur Seiten,
Von süßer Hoffnung voll, empfind' ich Seligkeiten.
Leih', Mond, mit einen Strahl von deinem bleichen Licht,
Daß sich, um mich zu sehn, durch Donnerwolken bricht.
W i e  s c h ö n  i s t  n i c h t  d e r  T o d ! o welche süße Mienen,
So süß, wie sie mir einst auf  D o r i s  Wangen schienen.
Ganz ein Contrast von ihr, der Menschheit fürchterlich,
Jedoch nach langer Qual, der beste Freund für mich.
Wie ein Tyrann, der stolz auf Bürgerleichen sitzet,
Der, wenn er denket, würgt, und wenn er redet, blitzet,
Für die Verzweifelung die letzte Zuflucht ist;
So sey, Tyrann - sey, Freund - sey, Tod von mir geküßt.
Reich deinen Becher her; zwar schaudernd, doch mit Freuden
Empfang' ich ihn. - - Du fliehst? - Soll ich noch länder leiden?
Bleib', Freund! - Er hört mich nicht. - Geh', Ungeheuer, - flieh -
Die Schickung spinnet fort mein Leben voller Müh'.
Nichts störet ihren Fleiß, kein Trotzen und kein Bitten,
Noch nicht genug gelebt! noch nicht genug gestritten!
Sey K** glücklicher. Ein bess'rer Freund, als ich,
Den Scherz und Wein ergötzt, ein Tejer lohne dich.
Tief seufzend nenn' mich ihm in hellen Abendstunden,
Wenn ihr den stillen Hain harmonisch durchempfunden.
Fällt dann ein welkes Blatt auf deinen Schoos herab,
So sey voll Redlichkeit dein Wunsch für mich: d a s  G r a b !

 

Quelle: Th. G. v. Hippel's sämmtliche Werke. Siebenter Band. Kleinere Schriften. Berlin 1828.


© Helmut Schulze, 2002