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THEODOR GOTTLIEB VON HIPPEL

geb. 1741 in Gerdauen (Ostpr.)
gest. 1796 in Königsberg

An
Herrn Schefner,
an meinem Geburtstage,
d. 31. Januar 1770.
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So lang' ich denken kann,
Hab' ich so manchen Morgen,
So manche lange Nacht,
Mit Kummer und mit Sorgen
Des Herzens zugebracht.

                            P. G.

    Dir weih' ich, Freund! den ersten meiner Tage,
Denn ohne Dich wär' mir das Licht
Der Sonne, das heut' doppelt schön mich grüßet,
Mein ganzes Leben wär' mir nichts.

    Auf meinem Pfad, mit Dornen wild verwachsen,
Gab mir zum weisen Führer Dich
Die Vorsicht, die, wenn uns're Schultern sinken,
Uns einen Freund zur Hülfe leiht.

    Schenk', Würdigster! mir eine treue Stunde,
Nach der sich meine Seele sehnt,
Um zwei der größten Fragen zu entwickeln:
Wo komm' ich her? wo will ich hin?

    So wirft ein Wanderer auf einem Hügel
Den Blick bald vor, bald hinter sich;
Den frommen Gram versüßt die schöne Hoffnung:
Bald - Heil mir! ist das Ziel erreicht.

    Früh' schon, o Freund! da ich im Flügelkleide
Der Glücklichste der Erde war,
Wenn lächelnd ich im dicken Gras versteckt,
Des Frühlings erstes Veilchen fand,

    Und bald mit frommem Aug' die Rosenknospen
Bei'm Morgenthau sich öffnen sah,
Und die geschloß'ne Tulpe schlau belauschte,
Wenn sie allmählig größer ward,

    In zarter Jugend, fern von Leidenschaften,
Sah in der Morgendämmerung
Ich ein Gesicht, auch hört' ich eine Stimme,
Voll Majestät und Harmonie.

    Sieh! sprach sie, einen hohen Berg von Titeln,
Den klimmst du unverschämt hinan,
Dann klatscht ein nied'rer Schwarm von feilen Sklaven
Dich groß - auch selbst bei'm leeren Kopf.

    Dort aber sieh ein Herz, das menschlich schlagen,
Empfinden und das weinen kann. -
Behend' griff ich nach einem solchen Herzen,
Und, Freund! - ging hin und weinete.

    Und fand, die höchste Lust sey, edel weinen.
Ihr, die im Stillen ich vergoß,
Auch ihr, worin noch jetzt mein Auge schwimmet,
Seyd, Thränen! mir geheiliget.

    Und dir, Empfindung! die zwar trübe Stunden
Und öfters noch viel trüber macht,
Dir dank' ich, denn du lehrest wirklich glauben
Das, was der größte Theil nur weiß.

    Die Muse hat des heil'gen Klopstocks Harfe
Und Ramlers Schwung mir zwar versagt,
Auch jenes Saitenspiel, das Gleim, Jacobi,
Uz, Wieland, Gerstenberg gespielt.

    Schon war ich froh, wenn auf mein göttlich Mädchen
Mir manches sanfte Lied gelang;
Es sang mir vor im Hain die Philomele,
Und mein veliebtes Herz sang nach.

    Wo bist du, Zeit! da ich mit treuen Seufzern
Des besten Mädchens Herz bewog,
Und Thränen heiß aus ihrem Aug' gesogen,
Eh' noch dasselbe sich ergoß.

    Wo bist du, Zeit! da ich in heil'gen Fluren
Vergißmeinnicht für ** brach,
Die an der vollen Brust weit schöner blühten,
Als wenn der Zephyr sie beweht.

    Da bin ich nun verwaist, seh' Kirchenthürme
Und manche frisch gegrab'ne Gruft,
Hör' hypochondrisch oft, wenn Norde brausen,
Ein eingebildetes Geläut. -

    Mein Leben war von Klagen eine Kette,
Dann traf mich zwar ein Strahl des Glücks,
Doch bald ergriffen mich noch schwärz're Nächte,
Und um mich war es wüst und leer.

    Oft bricht die Sonne so durch Donnerwolken,
Und hintergehet die Natur,
Denn schnell bezieht noch schwärzer sich der Himmel,
Zwei Ungewitter grüßen sich,

    Und mitten im Gesang verstummt die Lerche,
Und bricht ihr Danklied plötzlich ab,
Der Pilgrim, den ein Eichenbaum bedeckte,
Sucht wieder den verlass'nen Ort.

    So saß ich ohne Trost und ganz verlassen;
Allein an Deiner treuen Hand
Lernt' ich, o Freund! den göttlichen Gedanken,
Daß noch auf Erden Menschen sind.

    Und bist Du längst gleich meinem Arm entzogen,
Sind uns're Seelen soch doch nah';
Die beiden Engel, welche sie bewachen,
Sind sich mit Zärtlichkeit verwandt.

    Zu klein ist diese Welt zum Glücklichwerden,
Zu eitel, um hier froh zu seyn:
Zwar zählt der Redliche auch schöne Tage;
De schönste ist sein Sterbetag.

    Und dieser, Freund! sey von uns Beiden heilig
Dem, der den Andern überlebt;
Nicht der, der uns zu dieser Welt geboren,
Nein, der zum Himmel uns gebar.

    Wenn Schmähsucht mich im Grabe noch verkennet,
Dann sprich: Hier ruht ein Redlicher!
Wenn schamlos sie mein treues Herz verurtheilt,
Sprich laut: Es war mein bester Freund!

    Und ich? - will auch die Asche von Dir ehren,
Kein Thor soll dieses Heiligthum,
Den künft'gen Theil von einem sel'gen Engel,
Mit ungescholt'ner Stirne schmähn.

    Vergiß mich dort, wenn ich Dich hier vergesse,
Entziehe dann mir Deine Hand,
Wenn dort sich, wie allhier in großen Städten,
Mein banger Schritt nicht finden kann.

    Man legt, o Glück! Dir Babet einst zur Seite,
Und Eurer Beiden Herzen Staub
Mischt sympathetisch da sich mit einander,
Aus Einem Grabe steht Ihr auf.

    Auch pflanzt, o Freund! mit treuer Hand Justine
Cypressen auf des Bruders Grab,
Die sie vergrämt mit Thränen sanft bethauet,
Schnell schlagen dann die Blüthen aus.

    Ich aber - mod're da allein, kein Mädchen
Pflanzt Veilchen auf mein frühes Grab,
Bis die Natur, als wollte sie sich rächen,
Mir hold noch endlich eines schenkt.

    Da blüht es einsam, still, wie jetzt mein Leben,
Von tausend Menschen unbemerkt,
Bis sich ein zärtlich Paar spät auf die Erde,
Die mich bedecket, niedersetzt.

    Der Jüngling bricht's, und seine keusche Schöne
Schenkt ihm den allerersten Kuß,
Und seufzend schwören sie sich ew'ge Treue,
Und segnen unbewußt mein Grab.

 

Quelle: Th. G. v. Hippel's sämmtliche Werke. Siebenter Band. Kleinere Schriften. Berlin 1828.


© Helmut Schulze, 2002