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JOHANN FISCHART |
| geb. um
1546 in Staßburg gest. 1590 in Forbach |
An Ehr vnd Billigkeit liebende Leser.
Etlich Sonnet. (1)
I
Jn dem Hauß / spricht man / stehts nicht wol
Vnd muß gewiß was böß gemanen /
Wann die Henn kreht vber den Hanen /
Da sie doch dafür gachsen soll
Zu leuchtern (2) jhren Eyerstoll:
Also wie viel mehr muß es hön (3)
Jn einem Regiment dann stehn:
Welchs grösser ist vnd sorgen voll:
Wann die Henn wil die Hanen führen:
Da muß sie die gewiß verführen:
Dann es ist wider die Natur
Daß das schwächer das stärcker führt
Das vnzierlichst das zierlichst ziert:
Welch vngleicheit dient zur auffruhr.II
Dann jedes rechtes Regiment
Soll gleichsam gestimmt sein wie die Seiten
Die sich all in einander leiten.
Wann aber auff dem Jnstrument
Die gröbst Seit sich von andern trennt /
Vnd wolt nicht mit jhn stimmen ein /
Sondern derselben exlex (4) sein /
Da ist die Music schon geschändt /
Also wann auch in Königreichen
Das weiser soll dem albern weichen
Vnd das nicht herrschen sol wil gebieten
Da nemen solche Regiment
Oder ein enderung oder end
Dann vneins Hirten nicht wol hüten.III
Wie jhr dann solchs in Franckreich secht /
Da nun ein Florentinisch Henn (5) /
Ein alte seyt vnd faule senn (6) /
Die Gallos (7) vnd das Hanengeschlecht
Wil zu Capaunen machen schlecht /
Vnd aus den Galliern Galliner /
Aus freyen Francken Frauendiener /
Aus Musicseyten sennengeflecht (8):
Darumb weil sich die rein Quintseyten (9)
Nicht nach dem alten Trummscheit (10) leiten /
Vnd der han sich seins Kamß ermant (11) /
Vnd nicht die Henn zum meister leidt /
So sicht man heut ein solchen streit
Die Henn zutreiben in jrn standt.IIII.
Dann welches schreit (12) aus seinem stand /
Dasselb zerreist das Menschlich band /
Schafft vnwill vnd groß mißverstadt /
Vnd verunrühigt Statt vnd Landt /
Weil hochmuth findet widerstadt:
Darumb Gott alles recht erschuff
Ein jedes geschlecht in seim beruff /
Den Mann dapffer mit Rath vnd Hand /
Das Weib blöd (13) still zu der Haußhaltung /
Vnd je stiller ist jhr verwaltung
Je besser ist dieselb bestellt:
Dann ins Hauß ghört kein Rechten / fechten:
Es wird sonst böses Garn sich flechten:
Sondern auffs Rahthauß vnd ins Feldt.V.
Vnd wie es eim Mann vbel steht
Wann er sich Weiber gschäfft annimpt:
So vbel es sich auch gezimpt /
Wann ein weib Mannsgeschäfft hie thet /
Der Mann ein Gret / das Weib als nöt (14) /
Wann Sardanapalus (15) wil spinnen /
Semiramis (16) die Landt gewinnen:
Welchs Tyranney ist all zu schnöd /
So die Leut machet widersinnig:
Drumb list man vom Egypten König (17) /
Der / das er sein Volck Weibisch schafft /
Ließ Männer thun der Weiber gschäfft /
Weiber anmassen Männerkräfft /
Damit keins behielt sein eigenschafft.VI.
Solchs that er / weil er sich befahrt (18)
Sein Volck möcht jhn vmb tyranney
Bekriegen / sich zumachen frey:
Vbt aber nicht auch solche arth
Die Königin / wie man erfahrt /
Die daß man nicht jrm mutwill stewr
Außrotten wil die Mannschafft (19) thewr:
O da wehrt all / so tregt ein Bart.
Gleichwol sag ich nicht / daß nicht auch
Ein Weib mög herrschen nach Landsbrauch (20) /
Fürnemlich wann sie in jrm stat
Pflegt der Männer Rath vnd that:
Dann solches man noch lieber hat
Als Herrn / die Weiber han zu Rath.VII.
Sonder die frechlich vnterstahn
Sich wider gsatz vnd ohn all wal
Zustecken in geschäfft vberal /
Den / sag ich / soll man widerstahn /
Weil jhn der gwalt nicht zu wil stehn.
Darumb nur jr Frantzosen dran /
Er weist das Hanen muth jr han:
So wird euch alles glück zugahn /
Er weist das jhr von Teutschen kommen /
Von Francken frey / den alten frommen.
Dann so kein frembden Han jhr duldet /
Der euch hersch / wann er euch nicht huldet /
Wie solt jhr nicht die Henn verdammen
So frembd / die Hanen hetzt zusammen /
Daß sie einander selbs erlamen /
Vnd gar ausrotten jhren Stammen /
Derhalben dran ins Herren namen /
Secht ob man ein wild Henn mag zamen /
Vnd jhren grimmigen Eyersamen.
(1) Erster bekannter
Sonettenzyklus in deutscher Sprache. [zurück]
(2) leuchtern: erleichtern. [zurück]
(3) hön: verächtlich, böse. [zurück]
(4) exlex: Rechtsterminus für den
Geächteten, den "Outlaw". [zurück]
(5) Florentinisch Henn: Katharina
von Medici (1519-1589) war von 1560 bis 1563 Regentin von Frankreich für ihren Sohn, den
späteren Karl IX. und bestimmte auch danach noch weitgehend die Politik des
französischen Hofes. [zurück]
(6) senn: Binse. [zurück]
(7) Gallos: Das Wortspiel der
folgenden Zeilen basiert auf gallus "Hahn", Gallus
"Gallier", "Franzose" und gallina "Henne". [zurück]
(8) sennengeflecht: Weidengeflecht.
[zurück]
(9) rein Quintseyten:
"Quinta" oder "Quintsaite" heißt die oberste Saite auf der Laute; sie
ist die Melodiesaite und nur einfach vorhanden, während die übrige Besaitung doppel- und
mehrchörig ist. Der Ton der Quinta ist insofern rein gegenüber den tieferen, die aus je
zwei oder mehr Tönen gemischt sind. [zurück]
(10) Trummscheit: häufig nur
einsaitiges Streichinstrument, das in geringem Ansehen stand, wurde in Nonnenklöstern
seines knarrenden Klanges wegen als Trompetenersatz gespielt (Nonnentrompete). [zurück]
(11) ermant: erinnert. [zurück]
(12) schreit: schreitet, geht. - Im
folgenden Anspielungen auf die Homosexualität Heinrichs III. (reg. 1575-1589), sein
offensichtliches Desinteresse an den Regierungsgeschäften, die seine Mutter, Katharina
von Medici, bestimmte. [zurück]
(13) blöd: schwach, furchtsam,
schüchtern. [zurück]
(14) Gret und nöt: Prostituierte
und Zuhälter. [zurück]
(15) Sardanapalus: der sagenhafte
assyrische König, der es liebte, Frauenkleider zu tragen und in seinem Harem zu spinnen,
der Name ist gleichbedeutend mit "Weichling". [zurück]
(16) Semiramis: die sagenhafte
assyrische Königin führte für ihren minderjährigen Sohn Ninyas die Regierung. [zurück]
(17) Egypten König: Schon nach
antiker Auffassung (vgl. Herodot 2, 35) ist in Ägypten alles anders und viele Gebräuche
der Ägypter denen anderer Menschen entgegengesetzt. [zurück]
(18) sich befahrt: für sich
befürchtet. [zurück]
(19) Mannschafft: Mannestum. [zurück]
(20) Ein Weib mög herrschen nach
Landsbrauch: Anspielung auf Elisabeth I. von England. [zurück]
Quelle: Klaus Düwel: (Hrsg.): Gedichte 1500-1600. Nach den Erstdrucken und Handschriften in zeitlicher Reihenfolge herausgegeben. = Epochen der deutschen Lyrik. Hg. v. Walther Killy, Band 3. München 1978.
© Helmut Schulze, 2002