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KARL BLEIBTREU

geb. 1859 in Berlin
gest. 1928 in Locarno

Otto Weininger's »Geschlecht und Charakter«

    Der jugendliche Philosoph hat bekanntlich nach Erscheinen seines ungewöhnlichen Werkes Selbstmord verübt. Er wählte den Tod, weil er das von ihm so tödlich gehaßte Antimoralische in sich selber übermächtig fühlte und angeblich nicht zum Verbrecher werden wollte. Für jeden auf nüchterne Exaktheit des »Normalen« Eingeschworenen verrät dies natürlich krankhaften Gehirnzustand und wäre ein neuer Beweis, wie nahe das Pathologische oft dem Genialischen liegt. Wer jedoch tieferen theosophisch-okkulten Einsichten zuneigt, wird in dieser scheinbar phantastischen Überzeugung des jungen Denkers gerade eine geniale Erkenntnis bewundern, die freilich seine eigene Theorie einer angeblichen Willensfreiheit gründlich widerlegt. Wenn ein so mächtiger Wille und Intellekt wie derjenige Weininger's sich gegenüber dem inneren Dämon ohnmächtig fühlte, so hat der Determinismus hier wieder einmal sein Spiel gewonnen. Wenn verschiedene Theosophen noch mit Willensfreiheit operieren, so zeit dies ihre schwere denkerische Verworrenheit oder ein naives Mißverstehen der transcendentalen Freiheit (des transcendentalen Ego), die mit der völligen empirischen Unfreiheit alles Wollens und Handelns im irdischen Körperleben gar nichts gemein hat. Doch wir wollen uns hier nicht in solch okkulte Gebiete verlieren und nur andeuten, daß der Selbstmord auch vom theosophisch-buddhistischen Sehwinkel aus als eine Torheit getadelt werden muß. Der Selbstmörder vernichtet willkürlich den Schein, ohne das ihn quälende individuelle Sein antasten zu können, das unverändert fortbesteht. Er lehnt sich gegen sein Karma auf, weil es ihm eine unbequeme Phase der Wiedergeburt bereitet, obschon dies nur strenggerechte Folge seiner eigenen früheren Präexistenzen. Damit erreicht er gar nichts, als erneutes Durchlaufen der gleichen Phase in späterer Wiedergeburt. Es ist dem Individuum nicht gegeben, das Netz der Kausalität zu sprengen. Solche Ungeduld beleidigt die ewige Logik. Des- <13> halb bedarf das wahre Genie nicht so stürmischer Unsterblichkeitsprobe, weil es  sein   Jenseits immer bei sich hat und sein Unsterbliches zu jeder Stunde fühlt. Immerhin darf ein solches Motiv ethischer Verzweiflung nicht mit jener gemeinen materiellen Verzweiflung verwechselt werden, welche fast alle Selbstmorde veranlaßt, mit der feigschwächlichen Wut über persönliche mißliche Lebensumstände und rein egoistisch empfundene Leiden. Der Buddhismus gestattet nur die Selbstvernichtung als Opfertod aus ideellen Motiven z.B. zur Rettung Anderer, aber die »Herren des Karma«, um theosophisch zu reden, dürften auch dem eigentümlichen Entschluß des genialen Jünglings, lieber den Tod als das Versinken ins Böse zu wählen, mildernde Umstände zubilligen. Auch mag dabei unheilbarer Lebensekel mitgewirkt haben. Philosophische Gewißheit der Unsterblichkeit jeder Seelenmonade kann dazu verführen, lieber sofort das unbekannte Land jenseits der Bewußtseinsschwelle aufzusuchen, als sich länger in unsrer Niedrigkeit und Kleinlichkeit herumzuschlagen. Indem wir also tief beklagen, daß so seltene Frühreife, die eine Fortspinnung von Kant und Giordano erwarten ließ, sich uns so früh entziehen mußte, erachten wir dies Müssen als symbolisch, gleichsam als höhnische Absage an unser Zeitalter: Alles, was großgeartet, trachte von ihm wegzukommen! Otto Weininger - ein Name, der  bleiben  soll - mußte sich erschießen, um dem Modernen aus dem Wege zu gehen. Andere, stärker als er, haben freilich die Kraft, es zu ertragen.
    Nun wohl, er wollte nicht, und gehört jetzt der Ewigkeit an, in deren Vorstellung er webte. Uns bleibt nur die Pflicht, seine geistige Hinterlassenschaft zu prüfen. Auf der höchsten Daseinsebene, die er so brünstig suchte, aus einem Leben ins andere hinüberstürzend, empfing ihn der Daseinbegriff in seiner jetzigen Existenz jenseits irdischer Bewußtseinsschwelle gewiß mit gleicher Strenge. Wahrscheinlich fügte aber sein unerträglich scheinendes Leid, das zur Fahnenflucht vor dem irdischen Lebens- <14> kampfe trieb, ihm neue Kraft hinzu, wie sie eben durch jedes große Leid innerlich zuwächst, um so den Mut zum ewigen Leben zu erhöhen. Wenn er behauptet: »Der Mensch ist allein im All in ewiger Einsamkeit. Nicht die Sinnlosigkeit einer Welt von ungefähr ist ihm Pflicht, sondern seine Pflicht ist ihm der Sinn des Alls«, so täuscht er sich wohl über diesen Sinn und das Problem der Einsamkeit. Unendlichkeit ist nicht Einsamkeit, und aus der Ich-Einsamkeit in die All-Gemeinsamkeit aufzugehen scheint gerade der Sinn der Allordnung. Obschon er sich über den positiven Unsinn des Positivismus so hoch erhob, hätte esoterischer Buddhismus ihn wohl der Lösung nähergebracht.
    Festgefügtes System wird man in »Geschlecht und Charakter« füglich weniger finden, als den Ausdruck allgemeiner heroischer Weltanschauung und bedeutender Persönlichkeit. Beim gedruckten Nachlaß, das Hauptwerk ergänzend, wird man die Empfindung nicht los, daß jonglierendes Franzosentum des Geistes, wie der Pole Nietzsche es für deutsch ausgab, auch Weininger ansteckte. Seine Parerga und Paralipomena enthalten oft recht gequälte und erkünstelte Einfälle, einen aphoristisch irrlichtelnden Orgiasmus schrullenhaft manirierter Begriffssprünge. Der höchst geistvolle Aufsatz über Ibsen's »Peer Gynt«, reich an eigenwüchsigen Gedankenbildern, ähnelt den bekannten Kommentaren über Faust II. Teil, wo jeder die Sphinx reden läßt, wie ihm der Schnabel gewachsen, und hineingeheimnißt, was ihm beliebt. Auch das Hauptwerk leidet an systemloser Mischung streng fachlicher Philosophie mit sozusagen feuilletonistischer Vortragsweise. Die besten und tiefsten Kapitel des gewaltigen Buches haben mit dem angeschlagenen Thema fast nichts zu schaffen, und jeder nicht fachphilosophisch gebildete Leser wird sie vermutlich überschlagen. Wir meinen z.B. den glanzvollen Abschnitt »Logik, Ethik und das Ich«, worin er mit einem mir unmittelbar verwandten Ideengange die Ethik aus der Logik ableitet. Den Erfolg des aufsehenerregenden Werkes machte natürlich nur der <15> grundlegende sexuelle Inhalt aus, der freilich in einigen Hauptpunkten unanfechtbar bleibt, dessen maßlose Übertreibung jedoch des Autors Jugendlichkeit verrät.
    Sobald ein Mann grimmig gegen die Frauen zetert, weiß der Psychologe, daß er einen Erotiker und halben Masochisten vor sich hat. Nur wen das Sexuale ganz beherrscht, über den hat das Weib Gewalt, nur er wird aus mitleidiger Verachtung der »Weiber« gleich wüsten Haß gegen das Weib-an-sich schöpfen. Derlei erinnert immer an den Briten, der angesichts eines rothaarigen Kellners dekretierte: alle Deutschen sind rothaarig. Daß Weininger sich gegen den albernen und verlogenen Kultus des Ewigweiblichen wendet, bleibt sein Verdienst, und hier dürfte er mannigfach klärend gewirkt haben. Aber gerade daß er - wenngleich nicht neu, weil schon von Plato sattsam angedeutet - zahllose Zwischenstufen zwischen Ganz-Mann und Ganz-Weib nachweist, hebt zahllose Frauen aus seinem Verdammungsurteil heraus, das doch nur dem Ganz-Weibe gelten könnte. Auch entgingen ihm zwei Rätselfragen. Erstens: daß im Tierreich keinerlei geistige und sittliche Differenzierung zwischen Männchen und Weibchen waltet oder vielmehr eher eine zu Gunsten des Weibchens, wie denn der soziale Altruismus des Ameisen- und Bienenstaats auf dem Ewigweiblichen beruht. Zweitens: da des Menschen Urerscheinung hermaphroditisch angelegt, wovon bei beiden Geschlechtern noch Rudimente vorhanden, und da ferner der Embryo anfangs keine Geschlechtsdifferenzierung vermuten läßt, - woher dann plötzliches Hervorgehen zweier angeblich heterogener Wesen aus dem gleichen weiblichen Gebärteil? Scheint nicht diese Differenz erst durchs Dasein selber sich herauszubilden, je tiefer das Weib in seinen Sexualberuf einsinkt und höher der Mann als Geisteskämpfer davon abrückt? Wohl hat Weininger Recht: »Was für seichte Psychologen die Materialisten und Empiristen sind, kann man abermals hieraus entnehmen, daß gerade aus ihren Kreisen die Männer gekommen sind, welche für die ursprünglich angeborene psychologische Gleichheit zwischen Mann und <16> Weib eintregen.« Die Ungleichheit als solche besteht, wie sie eben aus den Weibes Sexualität notwendig folgert. Aber orakelt Weininger nicht selbst das tiefe Wort der Menschenkunde: »Der Fluch, den wir auf dem Weibe lastend ahnten, ist der böse Wille des Mannes«, »daß das Weib da ist, heißt also nichts, als daß vom Manne die Geschlechtlichkeit bejaht wurde«? Er bringt ferner Judentum und Femininum in unmittelbare Verbindung, beide als Verkuppler der Menschheit ans Philiströse, Antiideale. Wir pflichten ihm bei, daß  Judentum weniger Rassenfrage als Geistesrichtung, daher verjudete Arier jüdischer seien als Juden, die sich innerlich vom Jüdischen lossagten. »Es ist die welthistorische Bedeutung des Judentums, den Arier zum Bewußtsein seines Selbst zu bringen«, daß er sich hüte »vor dem Judentum als Möglichkeit in ihm selber«.
    Des jungen Denkers Edelsinn verlangt trotz seiner Ablehnung des Ewigweiblichen gleiche Rechte für Mann und Frau, da das Problem der Sklaverei unsittlich sei. Ganz recht, es schädigt so die Ethik des Mannes mit, und Hebung der Männerwelt kann nur durch Erlösung des Weibes vom Bann ausschließlicher Sexualität erfolgen. Vergißt Weininger nicht den seltsamen Fingerzeig der Natur, daß jedes Talent der Söhne von ihrer Mütter Intellektualität sich übertrug? Er mißt das Weib immer nur an den höchsten Möglichkeiten des Mannes. Für die angebliche Undenkbarkeit eines weiblichen Genies hat unser feminines Jahrhundert schon dies Problem gelöst: im Lebenswerk der Helena Petrowna Blavatzky, eines Mahatma (Übermenschen) in weiblicher Hülle.
    Gewiß, das Durchschnittsweib ist oft ein kläglich kleinliches Geschöpf, mitunter eine nichtsnutzige Schmeißfliege. Doch steht der Durchschnittsmann wirklich so viel höher, um Weininger's wahnsinniges Diktum zu rechtfertigen: Der tiefstehende Mann sei mehr wert als die höchststehende Frau? Die plumpe Galanterie »Das Ewigweibliche zieht uns hinan« ward wohl nur von einfältigen Gänsen je ernstgenommen. Doch der Legende von ätherischer <17> Sittlichkeit der Frau steht gar manche abfällige Legende über ihre angebliche Geistlosigkeit gegenüber. Hiezu rechnen wir das gang und gäbe Axiom, die Frau sei unfähig zur Objektivität. Nun haben zwar J. St. Mill und Herbert Spencer, was Weininger zu zitieren vergißt, sich in ihrer Frauenrechtlerei bis zu dem Ausruf gelegentlich verstiegen, die Frau denke sogar objektiver als der Mann. Aber selbst in dieser Hyperbel, die wir ablehnen, steckt ein Körnchen Wahrheit. Unsere eigene Beobachtung drängte uns zu der Ansicht, daß die Frauen tatsächlich eigentümliche Objektivität besitzen, nur anders als der Mann. Beim Überwiegen der sensitiven über die intellektuelle Sphäre versteht die Frau sozusagen mit dem Gemüte, statt mit dem Verstande. Oft urteilt sie weit verständnisvoller über Absonderliches als der Durchschnittsphilister, oft gilt nur für sie das populäre Wort: Das Herz auf dem rechten Fleck. Objektives Interesse für fernliegende Dinge trifft man unter Umständen eher bei Frauen als bei Männern. Um ein beliebiges Beispiel zu wählen: Würde je ein Mann ein Buch über weibliche Handarbeiten lesen? Nein, wohl aber lesen Frauen mit lebhaftem Vergnügen Bücher über militärische Vorgänge, die doch von ihrem Empfindungskreis ausgeschlossen sein sollten. Und endlich: wenn eine Frau geistreich erörterte, alle Männer seien Kanaillen und Dummköpfe, wo würde sie verhöhnt, verleumdet, verfolgt werden. Dein Buch aber, o lieber Spirit Weininger, lesen kluge Frauen mit Beifall, beklagen die ungerechte Verbitterung, schütteln den Kopf über verrückte Ausfälle, doch verkennen nicht vielfache Wahrheiten und edles Streben. Die berühmte Subjektivität der Frau kehrt sich also nur dann heraus, wenn ihre persönlichste Selbstsucht erregt wird. Und wer wüßte nicht, wie in solchem Falle wir Männer zu handeln und zu denken pflegen - kolossal objektiv, nicht wahr? ...
    Zuletzt stellt der junge Denker die sittliche Forderung absoluter Keuschheit auf, als metaphysischer Unsterblichkeitsgläubiger allerdings logischer als Tolstoi, der keine entschiedene Stellung zum »Jenseits« nimmt. Ohne <18> solchen Glauben, der völlige Vergeistigung und Entkörperung des Menschen in Aussicht stellt und hiefür größtmögliche Unbeflecktheit mit Materiellem voraussetzt, wäre Selbstkasteiung umso sinnloser, als Keuschheit an und für sich noch gar keine sittliche und geistige Erhöhung gewährleistet. Hier entsteht ein Dilemma wie bei jeder Askese. Geschieht es nämlich in Hoffnung jenseitiger Vergeltung, so hört wahre Ethik dabei auf, und gelingt es wegen ohnehin geringer sexueller Neigung, so hat das Opfer wenig Wert; trifft aber das Umgekehrte zu, dann verschlingt der verzweifelte Kampf gegen allmächtigen Naturtrieb alle Seelenkräfte, die zu nützlicherer Geistesarbeit verwendet werden sollten. Um es deutlich zu sagen: Ob Dante die Beatrice platonisch anbetet und nebenbei mit einem Eheweib Kinder zeugt, erscheint sehr unwichtig, wenn er nur die Divina Comedia schreibt. Und ob Gottlieb Schulze in geschlechtlicher Ehe oder gar lüderlich lebt, ist für seine sittliche Beschaffenheit lange nicht so wichtig, wenn er nur sonst gerecht und mitleidig mit seinen Nebenmenschen verkehrt. Erzwungene Keuschheit, zu der ja unzählige alte Jungfern genötigt, bessert keineswegs das verbitterte Gemüt. Wir sehen es an so manchen Eremiten der Thebaide, die ihres Fleisches Anfechtung widerstanden, um zelotische Hoffart und Gehässigkeit zu hellem Wahnwitz auszubilden. Die Askese bändigt den Leib, reinigt aber nicht die Seele.
    Auch wäre Verzicht auf Fortpflanzung unzulässig gerade in Tolstoi's Sinne. Denn da er allen Wert in gottselig Diesseits verlegt, so würde Aussterben der Menschheit die Möglichkeit vernichten, etwas Ethisches im Universum darzustellen. Wenn kein Lebender mehr Christi Gebote befolgen kann, so wären sie ja umsonst gegeben, und dies Selbstaussterben der Menschheit gliche einer Furcht, das Kreuz der Ethik fürder auf sich zu nehmen. Ferner würden nur Edelste und Beste die Kraft aufbringen, dem Keuschheitsgebote nachzuleben; die sich lustig fortpflanzende Masse verlöre also die Möglichkeit, sich durchs Beispiel einer höheren Rasse zu evolutionieren. <19> Man kann daher nicht umhin, den Verzicht auf Sexualität als unsittlich im höheren Sinne zu verwerfen, insofern solcher »Heiliger« aus Pflichttreue gegen sich selber die Pflicht gegen die Menschheit vernachlässigt. Keuschheit hat wahren Wert nur beim Yoga-Adepten, der sie als Mittel zum Zwecke höherer Machtfülle der Seelenkräfte benützt, wie ja sogar der körperliche Athlet sich aus Kämpferstolz zur Enthaltsamkeit zwingt. Immerhin mag man Aufhören der Fortpflanzung als letztes Endziel im Auge behalten. Denn es wäre möglich, daß der Dualismus geschlechtlicher Differenzierung dereinst wieder in jene geschlechtslose Einheit sich auflöst, welche laut Geheimlehre den halbgottartigen spirituellen Urmenschen zu eigen gewesen sei. Mit solchem Hinübergleiten in höhere Sphären des Menschentums wirds aber noch gute Weile haben für Jahrtausende, und unser Bestreben kann einzig sein, den Naturtrieb einzudämmen, ihn als lästige tierische Funktion wie Ernährung und Ausscheidung peinlich zu empfinden, statt ihn priapisch zu vergöttern wie unser lieber guter Zeitgeist der Zucht- und Unzuchtwahl. *)
    Weininger's Ruhm trotz jugendlicher Überspannung des Bogens beruht also darauf, daß er das Weib als Pflegerin des Naturtriebs und das Judentum als Hohenpriester alles Sexualen und Anti-Transcendentalen entlarvt und vor diesen Verbündeten, die sich das 19. Jahrhundert unterwarfen, die Zukunft warnt. Hier sehen wir also in <20> Weininger, dem Juden, den echten deutschen Idealismus, von welchem unzählige Urgermanen abgefallen, wieder sein Haupt erheben. Die große Contrerevolution wider die Verneinung idealer Instinkte wirbt sogar in den eigenen Schlachtreihen naturwissenschaftlicher Kraftstoffelei täglich neue Anhänger. Wenn die Theosophie siegreich ihr Banner über die Erde schwingt, dann wird man gerührt auch dieses jugendlichen Märtyrers gedenken, der ähnlich wie sein - auch von ihm argverkannter und verlästerter - Stammesgenosse  Heine ein besserer Deutscher war, als das biersaufende, tarockspielende Bärenhäuterpack der Heilô-Schreier. Friede und Ehre seinem Andenken!

    <Fußnote S. 19> *) Das eben ist mit das Verdienst Otto Weininger's, daß das »Bedürfnis«, von allem ethischen Ballast befreit, in gleichem, wenn nicht höherem Maß der Frauennatur als der des Mannes zubilligt. Man lese die großartige Deutung der Phänomene »Mutterschaf« und »Prostitution«. An der Hand solcher Argumente werden der Misogyn und der Troubadour, Leugner einer Fauenseele und Bekenner eines Frauenlächelns, Strindberg und Altenberg einig. Nur die brutale Männermoral unserer Tage - ich meine die Moral jener höchststehenden Männer, die tief unter der tiefststehenden Frau stehen - kommt zu kurz, jene Weltanschauung, die der Frau die Pflicht der Sittlichkeit und dem Mann das Recht der Geilheit zuteilt und deren deutsches Virginitätsideal ich schon einmal mit dem Wunsche, zu devirginieren, in erklärenden Zusammenhang gebracht habe.

Anm. d. Herausgebers.

 

Quelle: Die Fackel. Hrsg. Karl Kraus. Nr. 157 (19.3.1904). V. Jahr. (S. 12-20)


© Helmut Schulze, 2003