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Louis Angely: Die Schneider-Mamsells

geb. 1787 in Leipzig
gest. 1835 in Berlin

Die Schneider-Mamsells

Vaudeville in einem Akt frei nach Scribe
von

Louis Angely

Zum Erstenmale aufgeführt
auf dem Königsstädtischen Theater zu Berlin,
den 12ten November 1824.


Personen

Herr van der Hort, reicher Banquier aus Amsterdam, jetzt in
Berlin
Julie, seine Gattin.
Emil Walter, sein Commis.
Felix Hilarius, Schreiber bei einem Justiz-Commissarius, Emils
Freund.

Clementine
Helene
Emmeline
Schneider-Mamsells in der
Mimili Kleiderhandlung der Madame Vermont.
Hulda
Aline
Amanda

Ein Bedienter des Herrn van der Hort.


Das Theater stellt die Arbeitsstube einer Putz- und Kleidermacherin vor.
Links im Hintergrunde und rechts an der ersten Coulisse eine Seitenthüre; an der zweiten ein Fenster. Mittelthüre als Haupt-Eingang.

Erste Scene.

Clementine, Helene, Aline, Hulda (sitzen an einem großen Tische und
arbeiten). Mimili (steht rechts vor einem kleineren Tische und plättet ein Kleid).
Emmeline (sitzt links für sich allein an einem Tischchen; sie ist traurig und
nachdenkend, und liest von Zeit zu Zeit einen Brief, den sie aus ihrer
Schürzentasche hervorzieht).

Mimili:
Nun, Clementine, du wolltest uns ja das Liedchen vorsingen, das Dir so
gefallen hat?

Clementine:
Herzlich gern, wenn es Euch nur auch gefallen wird.

Mimili:
O es wird schon, es wird schon! singe nur!

Clementine:
So gebt Achtung!

Nr. 1 Lied
Mel. Lieber kleiner holder Engel etc.
Lottchen saß beim Lampenschimmer,
Dacht' an ihren Bräutigam,
Trat ein alter Herr in's Zimmer,
Sprach von seiner Liebesflamm':
Holde Kleine,
Sei die Meine,
Ach, ich seufze Tag und Nacht!
Deine Jugend,
Deine Tugend
Haben mich verliebt gemacht.
[13]

Zu den süßen
Kleinen Füßen
Leg' ich Gold und Perlen Dir
Still' mein Klagen!
Pferd' und Wagen
Führen, Engel, Dich zu mir!

Helene:
Alle Tausend! Pferd' und Wagen!

Hulda:
Und Gold und Perlen! Uem!

Mimili:
Still doch! Es geht ja noch weiter.

Clementine:
(singt weiter)
Lottchen sah den alten Gecken
Bitterbös und drohend an.
Doch er ließ sich gar nicht schrecken,
Bis mit Nachdruck sie begann:
Kann nicht dienen,
Danke Ihnen,
Denn ein Andrer hat mein Herz,
Müßt mich schämen
Gold zu nehmen,
Um zu tauschen Reu und Schmerz;
Ihre Klagen,
Pferd' und Wagen
Haben nicht mein Herz erweicht;
Darum wandern
Sie zu Andern,
Die erhören Sie vielleicht.
[14]

Mimili:
(welche immer plättet)
Ist das möglich? - Sie hat den reichen Herrn abgewiesen?

Clementine:
Ja wohl!

Helene:
Hm! die Geschichte ist so übel nicht - aber gar zu unwahrscheinlich.

Mimili:
Freilich - das ehrbare Lottchen war ein bischen gar zu dumm!

Emmeline:
Großer Gott! Mamsells! ich begreife nicht, wie Sie so reden können!
Die treue Lotte liebte einen Andern! - Ach! lieben ist leben! und wer wahrhaft
liebt, liebt für die Ewigkeit! O, was bringt es für süße Erinnerungen zum
Vorschein, wenn man sich an Stunden der Seligkeit und Vergangenheit
erinnert. O Zukunft der Liebe, wer Dir in's Herz sehen könnte!

Helene:
Ach Gott, liebe Emmeline! Sie sind gar zu romanisch! Das kommt
daher, weil Sie den ganzen Tag lesen! Wie lange sind Sie nicht schon in der
Lesebibliothek bei Viewegs abonnirt!

Mimili:
Und auch bei Kralowsky's! Wissen Sie noch, in der Jägerstraße in der
Putzhandlung? Madam glaubte, Sie zögen Marly und Spartery-Knöpfe auf die
Form und derweile hatten Sie Blaffontaine unterm Tisch.

Helene:
Und solch ekliges Zeug von Walter Spott, und von Grillpanzer, setzen
Sie sich
[15]

in den Kopf. Das wäre mir nicht möglich.

Mimili:
Das Vergißmeinnicht-Taschenbuch hat sie sich auch schenken lassen,
aber die Mannsleute vergessen sie doch!

Hulda:
Den Beobachter an der Spree hält sie auch.

Helene:
Auch den? nu, dann wunderts mich gar nicht, daß Sie den ganzen Tag
die Hände in den Schooß legen, statt zu arbeiten.

Emmeline:
Lieblose, gemüthsarme Gefährtin! das sagen Sie nur, damit Madam
mich gehen lassen soll. - Mir gleichviel! das Schicksal winkt! ich folge ihm! die
kurze Zeit meines Hierseins werde ich auch noch überstehen.

Helene:
I du mein Gott, was fehlt ihr denn?

Mimili:
(stellt das Plätteisen auf die Erde, winkt den übrigen,
und sagt ihnen mit halblauter Stimme):
Wissen Sie denn noch gar nichts, Mamsells? Emmeline hat mir vertraut:
sie wolle den Faden ihres Lebens zerschneiden.

Alle:
Herr Je! - Warum denn?

Nr.2
Mel. Hebe, sieh in sanfter Feier etc.
Mimili:
Ach ihr wißt, der junge Meyer
[16]

Betete die Arme an;
Doch jetzt schreibt er ihr aus Speyer,
Daß er sie nicht mehr lieben kann.
In die Spree will sie nun vor Gram sich stürzen,
Ihres Lebens ist gänzlich sie satt;
Doch erst näht sie noch die sechs Ginghamschürzen,
Die sie heute sich zugeschnitten hat.

Helene:
Wie? Emmeline?! Ist es wahr?

Emmeline:
Es ist wahr! - Aber Madam soll meinetwegen nicht inVerlegenheit
gesetzt werden - hat sie eine andere gefunden, die meine Stelle ersetzen kann -
nun dann - hinein in's kühle Grab! - So lange kann ich schon warten, die
Mühlen sind jetzt ohnehin geschützt.

Helene:
Na hören Sie mal, Sie haben sich zu sehr - Sie haben ja ganz den Kopf
verloren! - Musje Meyer war freilich ein netter Mensch - ich habe ihn selbst
ein paar Tage lang sehr niedlich gefunden - aber mich seinetwegen in die Spree
stürzen! na das sollte mir fehlen! Gott bewahre! wegen einem jungen
Menschen in die Spree! oho! noch nicht einmal in den Kupfergraben. Das ist
eine Conduite, die ein anständiges Mädchen compromenirt. Ein bischen
Verzweifeln, das geb' ich zu - das kostet nicht den Hals!

Hulda:
Helene hat Recht - warten Sie wenigstens noch vier Wochen - vielleicht
haben Sie ihn bis dahin vergessen.

Helene:
Das ist auch möglich.
[17]

Emmeline:
Nein - nein - nein! das ist unmöglich! - ich Meyern vergessen? nein!
Meyer! inständigst geliebter Gegenstand meiner ewigen Liebe des Herzens!

Mimili:
Na, es ist der Erste nicht gewesen, und wird der Letzte nicht sein, um
den Sie sich getröstet haben, wegen verschmähter Liebe. - Wissen Sie wohl -
Breseke?

Emmeline:
O ich bitte Sie! keine Erwähnung dieses ungetreuen Mühlendammers!

Mimili:
Alle Morgen, wenn wir in die Schneiderschule gingen, standen Sie voll
Sehnsucht an der Walkmühle und warteten, bis die Ladens aufgemacht
wurden; wie oft habe ich Ihnen Gesellschaft geleistet! Ach, wie unglücklich
waren Sie manchmal, wenn Breseke die Zeit verschlafen hatte, und sein Laden
der letzte war. Aber auch was für eine Freude, wenn der Geliebte dann
heraustrat, zur Hälfte eingewickelt in eine gewaltige Halsbinde; wenn er dann
mit steifgefrornen Fingern sich in die Tolle fuhr und eine behutsame Sechse
zur Locke drehte; wenn er mit der blechernen Sprengebüchse den Bürgersteig
mit nassen Achten beplanschte und dabei sehnsuchtsvoll nach Ihnen hinüber
blickte, sich die selbstgewichsten Stiefeln begoß und seufzte, daß man es bis
übern Damm hören konnte. Wenn er dann den Vorübergehenden zurief:
"Kommen Sie heran! was steht zu Ihren Diensten? Was suchen Sie sich?
Kaufen Sie mir was ab: Chergebri, Etamin, Bompassin, Cannefas, alles billig!
alles wohlfeil!" - Ach, wie haben Sie damals manche Bauerfrau beneidet,
[18]

die aus den dicken Händen Ihres geliebten Breseke eine Zwilchschürze
erhandelt hatte. Und was wurde draus? Breseke heirathete seinem Prinzipal
seine Köchin, und ließ Ihnen sitzen. Damals wollten Sie auch bei Liesens in
die Panke springen, aber der Meyer kam, sah und liebte Sie, und adje Breseke!
Gute Nacht, Panke! - Jetzt hat Meyer sein Verhältniß abgebrochen, nun
wollen Sie in die Spree?!

Emmeline:
Ach, Mimili! Sie wollen mein ganzes innerstes System umwälzen, aber
es hat zu feste Wurzel gefaßt!

Helene:
Ah bah! Sie müssen sich nur Zerstreuung machen..Wenn Sie vorgestern
mit mir in Charlottenburg gewesen wären - (etwas leiser) dann -
ich habe Ihnen wohl noch nicht gesagt, Mamsells, daß mir ein Abentheuer
passirt ist - ein Abentheuer, sag ich Ihnen, - ein recht schauderhaftiges,
abentheuerliches, romantisches!
(Alle stehen auf und versammeln sich um sie, nur
Clementine nicht)

Alle:
Ein Abentheuer?!

Helene:
Ja. Aber - schwören Sie mir, es nicht weiter zu sagen.

Alle:
Keiner Seele - Sie kennen uns ja - geschwind, erzählen Sie!

Clementine:
(die immer gearbeitet hat)
Mamsells, wer hat meinen Zwirn genommen?
[19]

Mimili:
Da liegt ja der ganze Knaul vor Ihnen.

Clementine:
Nicht doch - das ist dreidräthiger - meiner ist vierdräthig.

Hulda:
Da ist er! da ist er!

Alle:
Nun geschwind, Helene! erzählen Sie!

Helene:
Stellen Sie sich vor! Schon vier Sonntage hinter einander treffe ich in
Charlottenburg mit einem jungen, steinreichen, höchst liebenswürdigen,
englischen Brabanter Kaufmann zusammen, der mich für eine Gräfin hält.

Emmeline:
Sagen Sie! wie kommt er dazu?

Helene:
Erstens, weil ich ihm gesagt habe, daß ich eine wäre - und dann - wegen
meines schönen Anzugs - der allerdings äußerst verführerisch war. Ich hatte
meinen neuen Italiener auf, und den schönen seidenen lilanen Kapot an, der
machte Aufsehen! hu!

Hulda:
Was ist denn das, ein Kapot?

Helene:
Mein Gott, werden Sie denn nie die erhabenen Ausdrücke für die
Erzeugnisse unseres Kunstfleißes kennen lernen? Die Pariser Damen nennen
das, was bei uns Schanzläufer oder Ueberrock heißt, einen Kapot! Da sieht
man doch gleich, daß Sie nicht in Paris waren.
[20]

Hulda:
Mein Gott, waren Sie denn da?

Helene:

Ich nicht, aber meine Schwester sollte einmal mit einer Herrschaft hinreisen;
nachher wurde nichts draus.

Mimili:
Also Ihr Kapot hat solches Aufsehen gemacht?

Helene:
Ho! was für Aufsehen!

Arie Nr.3
Mel. Wie mit des Pinsels kräft' gen Zügen etc.
(Fanchon.)
Die Damen riefen hinter meinem Rücken:
"Wie angegossen sitzt ihr der Kapot!"
Die Herren aber schrieen voll Entzücken:
"Welch eine Taille! Großer Gott!"
Dies Doppellob hat wahrhaft mich gerühret
Und meinen Stolz nicht wenig angefacht;
Denn meine Taille hab' ich mir selbst geschnüret,
Und den Kapot hab' ich auch selbst gemacht!
Was ihm aber den Kopf ganz und gar verrückt hat, war meine geistreiche
Unterhaltung. Denn das wissen Sie doch, daß ich früher acht Wochen lang als
Gesellschafterin bei einer reichen Branntweinbrennertochter gestanden, und
dort so viel aus dem Conservations-Lexicon und der eleganten Zeitung gelernt
habe, daß ich äußerst vornehme Redensarten besitze, welche ich mit einer
gewissen Grazie von mir gebe, so daß man wohl glauben kann, ich sei ein
Frauenzimmer von Geburt! - Sonntags überhaupt gebe ich mir ganz andere
Airs, als in der Woche, da habe ich einen ganz unkenntlichen Pli - das muß
[21]



man auch, denn die jungen Mannspersonen sind jetzt so durchsichtig, sie
merken gleich, daß man mit der Nähnadel aufgezogen worden ist. Na genug,
wir kamen discursive, das heißt quantsweise aufs lieben, auf's heirathen, auf's
etabliren, und die Sache kommt heute noch auf's Reine. Er hat gestern mit
seinen Eltern gesprochen und sie auf den Knieen beschworen, ihre
Einwilligung zu geben, und heut Abend im Conzert in Treptow bringt er mir
Antwort.

Alle:
Gott! was Sie für ein Glück haben!

Hulda:
Das verdanken Sie Ihrer Garderobe. Sie mit Ihrem Staat können nach
Wollanks Weinberg gehn, ich komme nur zu Sorgens im Thiergarten oder
nach Moabit - und da passirt mir so etwas nie.

Mimili:
Sie haben ganz recht, Liebe. Bei Sorgens ist es ennuyant - man amüsirt
sich den Tag über, und das ist alles.

Clementine:
(aufstehend)
Nun, mein Leibchen ist fertig.

Helene:
Ach mein Gott! meins ist noch gar nicht angefangen, und Madam hat
das Kleid zu heute Abend versprochen; am Ende kann ich nicht ausgehen - das
wäre doch ein Malhör - das könnte einen Strich durch meine Heirath machen.
[22]

Clementine:
Geben Sie her, ich will Ihnen helfen.

Helene:
Ach wie gut Sie sind, liebste, beste Clementine! Sagen Sie nur, theure
Freundin, wie Sie es machen, daß Sie Ihre Arbeit immer früher fertig haben,
als wir?

Clementine:
Das ist wohl sehr natürlich; ich arbeite hinter einander fort und plaudre
mit Niemandem.

Mimili:
Ausgenommen mit Emil Walter, wenn er herkömmt.

Clementine:
Er ist mein Bräutigam - steht als Comptoir-Diener in Condition bei
Herrn van der Hort, einem reichen Holländischen Kaufmann, der ein
Handlungshaus hier in Berlin, und eins in Amsterdam hat. Emil verdient
jährlich 500 Thaler bei ihm, und ich habe mir durch Fleiß und Sparsamkeit
auch ein kleines Vermögen gesammelt.

Helene:
Wie viel denn?

Clementine:
Neunhundert Thaler!

Emmeline:
Neunhundert Thaler!?

Mimili:
Neunhundert Thaler?! Na, wer das glaubt, giebt acht Groschen!

Clementine:
Wahrhaftig! Zweihundert Thaler habe ich mir selbst gespart, und das
übrige -
[23]

Emmeline:
Nun? das übrige?

Clementine:
Ist mir vor ein Paar Jahren zugeschickt worden, ich weiß nicht von
wem; aber ich vermuthe, von irgend Einem aus meiner Familie.

Mimili:
(halblaut zu den Andern)
Aus ihrer Familie! - sie hat gar keine - sie ist ein Waisenkind!

Clementine:
Oh, ich hatte eine Cousine, Julie hieß sie - die mir sehr gut war, und
von der ich seit acht Jahren nichts gehört habe. Ihre Mutter war eine
Goldstickerin, und sie war anfangs auch nichts weiter, als eine
Schneidermamsell wie wir, aber ihre Madame hatte auch eine
Kleiderhandlung, wie unsre und ließ Julien immer im Laden stehen und
verkaufen, weil ihre Schönheit so blendend war, daß eine große Menge
Kunden sich blos ihretwegen einfanden.

Nr.4
Mel. Im Mohrenland gefangen war etc.
Clementine:
Hunderte konnt' man täglich sehn
In ihrem Kleiderladen stehn;
In Equipagen fuhr man hin
Zu der schönen Näherin.
Aber eines Tages, da -

Helene:
Fuhr weg sie, hopsasa!
Freilich wer wird zu Fuße gehen,
Wenn vor der Thür die Wagen stehen,
[24]

Und junge Herrn
Fahren so gern
Mägdelein schön!

Hulda:
Ja, ja - so wird's auch gewesen sein - man hat sie entführt!

Clementine:
Nein, Mamsell! meine Cousine gehört nicht zu denen, die sich sogleich
entführen lassen. Sie müssen wissen, daß sie Grundsätze hatte.

Mimili:
Nun, so wird man sie sammt ihren Grundsätzen entführt haben.

Clementine:
Pfui, das ist sehr schlecht, was Sie da sagen.

Emmeline:
Clementine hat Recht; ihr seid rechte Lästermäuler!
(Alle stehen auf)

Helene:
Nu, Mamsells! fangen Sie am Ende gar an, sich zu zanken. Das macht
sich! erzogene Personen! Sie sollten sich was schämen! - Da kommt Einer die
Treppe rauf! Still!

Alle:
(fliegen auf ihre Plätze)
Still! still!

Zweite Scene.
Vorige. Emil Walter
Clementine:
Ach! es ist Walter!
[25]

Emil:
Bon jour, Tinchen! bon jour, meine Damen! - Wer will mit nach
Treptow zum Ball? ich habe Entreebillets!

Alle:
(vor Freuden springend)
Ach, das ist herrlich! das ist köstlich!

Mimili:
Gott! was hatte ich für einen klugen Gedanken, mir mein Perkal-Kleid
zu plätten! Tanzen ist mein größtes Vergnügen! wie tanze ich aber auch? Zwei
Monat habe ich bei Loscheri und zwei bei Schultze gelernt.

Hulda:
Und ich - als ob ich's geahnet hätte - zog mir heut mein bestes Kleid an.

Emmeline:
Sie haben ja nur das Eine.

Hulda:
Das ist freilich wahr. Aber jammerschade, daß heute nicht Donnerstag
ist!

Mimili:
Warum denn das?

Hulda:
Ach! - ich habe neulich eine Liebschaft angeknüpft! und -

Helene:
Wie? nun das muß ich sagen - das wäre doch ein wenig stark, wenn Sie
in Ihrem Alter schon an so was dächten!

Mimili:
Ja Liebe, das ist wahr; Sie sollten lieber Zwirn einfädeln, aber keine
Liebschaften.
[26]

Hulda:
Nun warum denn nicht? - Aber mein Liebhaber darf nur Donnerstags
und Sonntags ausgehen, er ist noch in Pension. (seufzend) Also
werde ich heute nicht so glücklich sein, ihn zu sehen.

Helene:
Ich, meine Damen, werde nicht das Vergnügen haben können, mit
Ihnen zu fahren - ich habe persönlichere Rücksichten zu nehmen. - Sie wissen
ja wohl, mein Engländer - ach! und die Freundschaft erzeigen Sie mir wohl,
Mamsells, - wenn Sie mir vielleicht zufällig begegnen - thun Sie nicht, als ob
Sie mich kennten - ja? Das könnte ein schlechtes Licht auf mich werfen - ja?

Mimili:
I das versteht sich von selbst! - eine Hand wäscht die andere. Passirt uns
mal so was, kennen Sie uns auch nicht. - Wir fahren also alle hin?

Hulda:
Ich - um mich zu amüsiren.

Helene:
Ich - um den Verlobungsring von meinem Jüngling zu empfangen.

Emmeline:
Ich - (seufzend) um mich zu zerstreuen.

Mimili:
Wie - Emmeline, Sie auch? - Sie wollten ja in die Spree springen?

Emmeline:
Wer weiß - wenn mir's in Treptow nicht gefällt - dort fließt die Spree
weit rascher als hier.
[27]

Emil:
(der bisher mit Clementinen sprach)
Hahaha! Sie sehen mir auch aus, als ob's Ihnen nicht gefallen würde! -
Also, ich Glücklicher bin der einzige Kavalier sechs schöner Mädchen!

Mimili:
Wenn man Sie nur nicht für einen Lehrer hält, der seine
Pensionairinnen spazieren führt.

Clementine:
Da haben Sie wahrlich recht - (leise zu Emil) Ich werde Ihrer
gar nicht froh werden können!

Emil:
Nun, wenn Sie mir erlauben, bringe ich einen meiner Freunde mit -
einen jungen, sehr liebenswürdigen Mann.

Emmeline:
(seufzend)
Einen jungen sehr liebenswürdigen Mann! - ach Meyer! Meyer!

Emil:
Herrn Felix Hilarius, einen -

Emmeline:
(schnell)
Herrn Hilarius? ist das der Geheime Sekretär beim Justiz-
Commissarius?

Emil:
Sie kennen ihn?

Emmeline:
Ich habe ihn einigemal auf Landparthien gesprochen, als Meyer noch
der Meinige war.
[28]

Mimili:
Ein Geheim-Secretair bei einem Justiz-Commissarius? ei, desto besser!
ich habe die Geheim-Secretairs gar zu gern. Sie sind immer so putzig, so lustig,
und wissen solche schauerliche Criminell-Geschichten aus den Akten zu
erzählen - und dann gehören sie auch zu der Beaumonde.

Helene:
Da haben Sie recht, Mimili - Beaumonde ist das halbe Leben denn in
Treptow ist manchmal sehr melirte Gesellschaft - und es ist doch nicht
angenehm, sich compromenirt zu sehen.

Mimili:
(leise zu Emmelinen)
Das Compromeniren hat sie immer im Munde; das muß ihr sehr
gefallen.

Emil:
Also meine Damen - halten Sie sich bereit - nach sieben Uhr holen wir
Sie ab. Adieu jetzt!

Clementine:
Wie, Sie gehen schon wieder?.

Emil:
Ich muß - mein Herr könnte auf's Comtoir kommen.

Mimili:
Ist er denn so strenge?

Emil:
Ja - mit uns. Außer dem Hause ist er ein großer Verehrer des schönen
Geschlechts - freilich ohne Wissen seiner Gemahlin - denn wenn diese ahnen
könnte, daß ihr Mann heimlich Courschneiden gieng -
[29]

Helene:
Oh, Herr Walter, hören Sie doch auf - nur keine anzüglichen
Ausdrücke - diese kann ich nicht leiden! sie beleidigen meine zarten Ohren.

Mimili:
Ach Liebe, Sie haben sich zu sehr! da sehe ich doch nichts bei! Die
Cour schneiden lassen wir uns ja alle.

Emil:
Adieu, meine theure Clementine! bald sehe ich Sie wieder und auf
längere Zeit. (geht, kehrt wieder um) Apropos: nehmen Sie sich in
Acht - das Handlungshaus, in dem Sie Ihr Ersparniß niedergelegt haben, ist -
wie man sagt - nicht mehr ganz solide - wenn Sie wollen, will ich einen Gang
dahin machen -

Clementine:
Heute nicht, Sie haben zu viel zu thun - aber morgen vergessen Sie es
doch ja nicht - es ist die Frucht meiner sauern Arbeiten - es ist Alles, was ich
besitze - verlöre ich es, hätte ich Ihnen sonst nichts zu bieten.

Emil:
(ihr die Hand drückend)
Doch, süßes Mädchen! doch! - So lange Sie mir Liebe geben, werde ich
nichts vermissen. Adieu, meine Damen! - Adieu, Clementine! (ab)

Alle:
Adieu, Herr Walter!
[30]

Dritte Scene.
Vorige, ohne Emil Walter.
Helene:
(zu Clementinen)
Aha, Herr Walter soll morgen Ihr Capital heben - dann machen Sie
bald Hochzeit - und - ach das wäre prächtig! ich heirathe dann ganz geschwind
meinen jungen Engländer, und wir etabliren in Compagnie eine große Putz-
und Modenhandlung.

Alle:
(ohne Clementine)
Dann nehmen Sie uns doch als Directrice?

Helene:
Hm - ich glaube wohl nicht - Ihr seid so nachlässig, so faul -

Emmeline:
Ach, ich bitte Sie! haben Sie sich nicht! Sie urtheilen und bemokiren
sich über Andre, und thun selbst den ganzen Tag nichts.

Mimili:
(am Fenster)
Mamsells! Mamsells! wir bekommen Besuch! Ein Landauer hält vor der
Thür.

Alle:
(laufen an das Fenster)
Ein Landauer?! wo? wo?

Mimili:
Ein Herr steigt aus - er deutet dem Kutscher, ihn mit dem Wagen in der
anderen Straße zu erwarten. - Oh,
[31]



den kenne ich! das ist ja der Herr, der vor acht Tagen die drei Kleider bestellte.
Nun, der wird sich wundern, die sind kaum angefangen - Helene hat sie zu
machen.
Helene:
Na, Sie machen sich! - Sie und Emmeline haben sie in Arbeit
bekommen.

Emmeline:
Ich? - nun so was lebt nicht!

Clementine:
Aber Mamsells, setzen Sie sich doch auf Ihre Plätze - was soll denn der
Herr denken?
(Alle setzen sich und thun, als ob sie emsig arbeiteten)

Vierte Scene.
Vorige. Herr van der Hort;
dann Madam van der Hort von außen.

Herr v. d. Hort:
Bon jour, bon jour, meine kleinen Engelchen! - Sie sitzen ja wie
angeschmiedet bei der Arbeit. - Das ist exemplarisch; wie gefällt Ihnen das?
(NB. "Wie gefallt Ihnen das?" ist ein Sprüchwort, das er sich angeeignet hat)

Clementine:
O recht gut! - Sein Sie willkommen, mein Herr!

Hulda:
Wollen Sie sich nicht niederlassen?

v. d.Hort:
Danke, danke, mein hübsches Kind! - Sie sind wirklich alle ganz
allerliebst! - wie gefällt Ihnen das!? - Sind die Kleider fertig, die ich bestellt
habe?
[32]

Helene:
(arbeitend)
Wir sind eben dabei, wie Sie gefälligst bemerken wollen - aber es ist die
Tage her so viel zu thun gewesen -!

Mimili:
Das türkische Shawlkleid und der Sammt-Ueberrock sind beinah fertig
- das Tüllkleid werden wir dem Herrn heut Abend noch in seine Wohnung
schicken.

v. d. Hort:
In meine Wohnung? wie gefällt Ihnen das? thun Sie das um
Gotteswillen nicht! (recolligirt sich) ich meine - es möchte Ihnen
zu viel Mühe machen.

Clementine:
O bewahre! wenn Sie uns gefälligst Ihre Adresse hier lassen wollten -?

Helene, Mimili, Hulda:
Ja, wenn Sie uns gütigst Ihre Adresse hier lassen wollten -?

v. d. Hort:
O - das ist gar nicht nöthig - mein Wagen steht unten - ich werde
warten, bis Sie fertig sind - wie gefällt Ihnen das? - Ich habe eine Nichte, eine
Pathe, der ich die Hochzeit ausrichte - für die habe ich die Kleider als einen
Theil der Aussteuer bestimmt; da ich nun in einigen Tagen nach Amsterdam
reisen will, so begreifen Sie wohl, daß ich keine Zeit zu verlieren habe. Auch
muß ich Sie bitten, recht viel Geschmackvolles aus Ihrem Magazin noch
zuzulegen. Die Aussteuer muß schön sein, denn der Bräutigam ist häßlich; wie
gefällt Ihnen das? Allein unsre jetzigen jungen Damen haben bei dem
Heirathen ein ganz neues System angenommen.
[33]

Nr. 5
Mel. Es hat die Schöpferin der Liebe etc.
Es ist mit unsrer heut'gen Liebe
Ein wenig zu modern bestellt;
Die Mädchen fühlen meist nur Triebe
Für des Bewerbers Gut und Geld.
Mit Ohrgehängen, goldnen Ketten,
Mit Kleidern, Spitzen, Brasseletten,
Mit türkschen Shawls und Demantringen
Läßt auch die Schönste sich bezwingen.
Wenn auch der Mann grundhäßlich wäre,
So nimmt sie doch - bei meiner Ehre -
Aus Lieb' den Flitterstaat - aus Spaß
Den Mann dazu - wie gefällt Ihnen das?

Mad. v. d. Hort:
(von außen)
Johann! ich habe meinen Carton im Wagen vergessen; hol' Er ihn
geschwind herauf.

Herr v. d. Hort:
(bei Seite)
Alle Teufel! - die Stimme meiner Frau! - wie gefällt Ihnen das?

Mad. v. d. Hort:
(von außen)
Nicht doch, Johann! - den, der auf dem Rücksitz steht; - nicht den
kleinen - ach, Er wird alles durch einanderwerfen - ich muß wahrlich selbst
wieder hinab.

v. d. Hort:
(bei Seite)
Sie kommt gewiß hieher - wenn sie mich hier ertappte -! verdammte
Geschichte!
[34]

Mimili:
Ist Ihnen nicht wohl, mein Herr?

v. d. Hort:
O - ja - sehr wohl - ich hörte eben eine Dame draußen sprechen - ich
kenne sie sehr genau, diese Dame - allein wir haben uns erzürnt - wir liegen
zusammen im Prozeß - wir sehen uns seit langer Zeit gar nicht mehr - und
wenn sie hier mit mir zusammenträfe, könnte ich - mit einem Worte, es
währe mir höchst unangenehm. Wie gefällt Ihnen das?

Helene:
Nun, so machen Sie, daß Sie fortkommen.

v. d. Hort:
Auf der Treppe würde ich ihr aber unfehlbar begegnen - ist denn hier
gar kein andrer Ausgang?

Helene:
O ja, dort aus jenem Zimmer führt die Hinterthüre durch eine
Nebentreppe auf den Hof.

v. d. Hort:
Schön, schön! - Adieu, holde Töchter des Luxus - ich werde bald
wiederkommen. Halten Sie nur alles für mich bereit und vor allen Dingen
sprechen Sie nicht von mir mit jener Dame. Wie gefällt Ihnen das?
(geht in das Nebenzimmer)

Emmeline:
Gott sei Dank! den sind wir los!

Mimili:
Vielleicht noch nicht! denn die Thür, die nach dem Hofe führt, ist
verschlossen.
[35]

Helene:
I bewahre Gott!

Mimili:
Was Sie nun wieder wissen wollen! ich sage Ihnen, ich habe sie selbst -

Clementine:
Still! da kommt die Dame.

Fünfte Scene.

Madame van der Hort. Die Vorherigen.
Ein Bedienter in Livree trägt einen Karton.

Mad. v. d. Hort:
Ist Madame Vermont zu Hause?

Helene:
Allerdings - allein sie ist in diesem Augenblick beschäftigt, eine Werk
über eine neu erfundene Schnürbrust zu schreiben.

Mad. v. d. Hort:
Ei, da bewahre mich der Himmel, sie bei solchem wichtigen Geschäft
zu stören - ich will unser Jahrhundert nicht um ein neues Meisterwerk
bringen. Eigentlich kam ich blos, um sie bei dem Ankauf einiger Garnirungen
um Rath zu fragen, und mir zugleich Maaß zu einem neuen Kleide nehmen zu
lassen.

Clementine:
Wenn Madame befehlen, wollen wir Ihnen Maaß nehmen; so brauchen
Sie nicht zu warten.

Mad. v. d. Hort:
Recht gern, Mamsell. Mit Madam Bredouille, wo ich früher arbeiten
ließ,
[36]

bin ich gar nicht zufrieden; nun wußte ich wahrlich nicht, an wen ich mich
wenden sollte, als ich heute zufällig in meines Mannes Kabinet Ihre Adresse
auf dem Kamine fand. Wie sie dahin gekommen ist, kann ich nicht begreifen.

(Die jungen Mädchen gruppiren sich alle um Madame van Hort; Helene
nimmt Maaß an der Taille, Clementine an den Aermeln, Emmeline und Mimili
am Untertheile des Kleides)

Mad. v. d. Hort:
Machen Sie mir die Taille nicht gar zu lang - das entstellt den
Oberkörper zu sehr - und ja keine Falten hier an den Seiten - aber nicht zu
bloß am Halse.

Helene:
Oh, Madam können ganz ruhig sein - unser Haus ist durch den
anständigen Schnitt, und die Güte der Näthe berühmt.

Mimili:
Befehlen Madame noch mehrere Kleider?

Mad v. d. Hort:
Hm, ich brauche deren wohl, allein - es geht jetzt nicht gut an.

Mimili:
O, wenn Madame nur wollen.

Nr.4
Mel. Ja, mit dem Schicksal wollt' ich grollen etc.
(Fanchon)

Mad. v. d. Hort:
Es liegt wohl nicht an meinem Wollen,
Doch - hat mein Mann gleich Ueberfluß,
[37]


So fürchte ich, er werde grollen,
Wenn er die Rechnung zahlen muß.
Die größten Summen zu verschwenden,
Für sein Vergnügen reut ihn nie,
Doch soll er mir zwei Kleider spenden
So spricht er von Oeconomie.

Mimili:
Deshalb dürfen Madam sich gar nicht geniren. Wir geben Ihnen die
Sachen auf Credit, und wollen schon Mittel finden, von dem Herrn Gemahl
bezahlt zu werden.

Mad. v. d. Hort:
Ich danke, mein liebes Kind; Sie sind sehr zuvorkommend.

Mimili:
Man thut, was man kann, um anständige Kunden zu befriedigen.

Mad. v. d. Hort:
Lassen Sie sich sehr theuer bezahlen?

Emmeline:
Madam wissen wohl, daß ein Haus, das nur einigermaßen auf guten Ruf
hält, nicht anders umhin kann.

Mad. v. d. Hort:
Nicht mehr wie billig. - Ich bin aber noch nicht entschieden, welche Farbe ich
wählen soll, was rathen Sie mir?

Helene:
Wir haben Proben von allen Sorten - wie gefällt Ihnen diese? die kleidet
sehr.

Mad. v. d. Hort:
Hm - rosa dünkt mich -
[38]

Helene:
Oh, rosa muß Ihnen göttlich stehen.

Mad. v. d. Hort:
Sollte nicht lieber schwarz -?

Helene:
Schwarz! ohne allen Zweifel - schwarz wird Sie ganz wundervoll
kleiden. - Aber - irr mich nicht - nein, es ist Madame Vermonts Stimme;
wahrscheinlich hat sie die Feder niedergelegt, und wenn Ihnen jetzt gefällig
wäre, mit ihr selbst Rath zu halten -?

Mad. v. d. Hort:
Recht gern.

(Helene führt sie an die Thüre, öffnet sie und läßt sie eintreten; der Bediente
folgt ihr. Es schlägt 7 Uhr)

Mimili:
Sieben Uhr! sieben Uhr!

Hulda:
Geschwinde aufgeräumt und Feierabend gemacht! (Alle außer
Clementinen)
Heißa! Feierabend!
(sie tragen den großen Tisch an die Seite, ordnen die Sachen und machen sich
fertig zum Aufbruch)

Nr.7
Mel. Liebe Schwestern, zur Liebe geboren etc.
(Don Juan)

Helene:
Fort mit Kleidern, mit Zwirn und mit Nadeln,
Denn die Zeit der Erholung ist da.
Wenn uns Freude winkt, wer will uns tadeln,
Daß wir freudig sie haschen, tralla!
[39]

Alle:
Trallala! trallala!
Daß wir freudig sie haschen, ja ja!

Mimili:
Kinder laßt uns nicht länger verweilen,
Denn Herr Walter erwartet uns ja,
Lasset fröhlich nach Treptow uns eilen.
Welch Vergnügen erwartet uns da.

Alle:
Trallala! trallala!
Welch Vergnügen erwartet uns da.
(Alle ab außer Clementine)

Sechste Scene.
Clementine allein; dann Herr van der Hort an der Thür des Kabinets.

Clementine:
(hat das Kleid, welches sie fertig nähte, in einen Carton gelegt, und
nimmt nun ihren Hut und Shawl)
Mein Kleid ist fertig! das will ich nun geschwind zu der Frau
Präsidentin tragen, um ja zu rechter Zeit wieder hier zu sein.

v. d. Hort:
(öffnet leise die Thüre des Kabinets)
Machen mir die kleinen Närrinnen weiß, die Thür nach dem Hofe sei
offen, und wie ich hinauswill, ist sie zweimal herum zugeschlossen. Wie
gefällt Ihnen das?
(er will heraustreten, erblickt aber den jungen Walter, der eben eintritt, und
fährt erschrocken zurück.)
Alle Hagel - mein Commis Walter - was macht er hier? Wie gefällt
Ihnen das?
(zieht sich zurück und macht die Cabinetsthür wieder zu)
[40]

Siebente Scene.
Emil Walter, Felix Hilarius, Clementine.

Emil:
Nur hinein, mein Freund! wir kommen zwar früher, als ich versprach,
allein das wird man uns gewiß nicht übel nehmen. - Wohin, liebe Clementine?

Clementine:
Zur Präsidentin, ihr das Kleid zu bringen - wenn ich zurückkomme,
ziehe ich mich schnell ein wenig an, und dann fahren wir.

Emil:
Kann ich Sie nicht zur Präsidentin begleiten?

Clementine:
Nein! Ich würde zu viel mit Ihnen plaudern, und dabei könnten wir die
Zeit versäumen.

Emil:
So erlauben Sie uns wenigstens, Ihnen von Weitem zu folgen.

Clementine:
Bewahre Gott! das wäre ja noch viel ärger, - das sieht so
Putzmachermamsellartig aus, und ich halte auf meinen guten Ruf. - Adieu
indeß, lieber Walter! adieu, Herr Hilarius; ich werde nicht lange ausbleiben.
(ab)

Achte Scene.
Emil Walter. Felix Hilarius
Später Herr van der Hort.
41

Emil:
(Clementinen nachsehend)
Ein allerliebstes Mädchen! so sanft, so reizend, so verständig! - Meine
vornehmen Verwandten sind wüthend, daß ich sie heirathen will; immerhin,
ich verlange nichts von ihnen, aber ich mag auch nicht von ihnen abhängen.

Felix:
Laß sie reden! Du glücklicher Prinz bist zu beneiden! Dich leitet die
Liebe, mich die kalte Vernunft in Hymens Joch.

Emil:
Du bist nicht klug.

Felix:
Was ich Dir sage; in Charlottenburg habe ich meine Eroberung
gemacht - eine junge recht hübsche Dame! ein besonders nobles Air hat sie
gerade nicht, allein sie spricht, wie ein Buch - wie ein schlecht geschriebenes
Buch freilich; indeß, sie hat viel Vermögen und ist Gräfin.

Emil:
Gräfin?

Felix:
Gräfin! Um ihre Bekanntschaft zu machen, tanzte ich eine Ecossaise
mit ihr, um ihr näher zu kommen, einen Walzer. Im sechsachtel Takt
entdeckte sie mir ihren Stand, nun ward ich immer zuvorkommender, immer
zärtlicher, und in vier Wochen heirathe ich sie.

Emil:
Bist Du rasend? Ein armer Schreiber!

Felix:
Eben weil ich arm bin - bei der neuen Reform bleiben mir ohnehin
keine
[42]

Aussichten zu einer Anstellung; sie ließ etwas von zehntausend Thaler
jährlicher Einkünfte fallen - hat sie die, heirathe ich sie vom Flecke weg, hat
sie die nicht, lasse ich sie sitzen. Ich sollte sie heute auch nach Treptow
begleiten - allein ich werde ihr ein Billet schreiben und mich von ihr
losmachen, denn ich gehe viel lieber mit Euch.

Emil:
In der That?

Felix:
Das versteht sich! Die vornehmen Damen sind durchaus nicht meine
Passion. Schade nur, daß es gerade nach Treptow geht, man ist da doch
einigermaßen genirt.

Emil:
Ja, wo soll man denn sonst hingehen?

Felix:
Wohin? Du lieber Gott, Du lebst in Berlin, und kannst so etwas fragen?

Nr. 8
Mel. Schallen Sie was Gut's, Ihr Gnaden etc.
(aus dem Tyroler Wastel)

Freude, Frohsinn und Vergnügen
Schlürfest Du in langen Zügen
In Stralow und in Rummelsburg,
In Rixdorf und Charlottenburg,
In Buchholz, Pankow und Schönhausen,
In Wilmersdorf zum Schafmilchschmausen.
In Pichelsdorf und Pichelsberg,
In Heinrichsdorf und Lichtenberg
Trinkt man aus Bunzlauer Kannen,
[43]

Die vier Hände kaum umspannen,
Cichorien-Kaffee in Massen,
Auf den Mann ein Dutzend Tassen.
Mittwochs nimmt von Moabit
Man sich Pumpernickel mit.
Beim Hofjäger ist's schrecklich voll,
Bei Kämpfers ist es nicht so toll;
In den Zeltern ist's vorbei,
Dafür blühet George neu;
Dort bringt ein gewandter Diener
Spargel Dir und junge Hühner;
Auch wird's jetzt im dustern Keller
Immer hübscher, immer heller;
Manche hochgelehrten Herrn
Speisen dort Kartoffeln gern.
Gehst Du in's Louisenbad
Trinkst Du Dich am Brunnen satt
Hilft es Kranken auch nicht sehr,
Schad't's Gesunden nimmermehr.
In der Hasenhaide ohne Hasen
Giebt's Rasenbänke ohne Rasen,
Aber Sand im Ueberfluß,
Welch ein herrlicher Genuß!
Tempelhoff am Erndtefeste
Fasset kaum die Zahl der Gäste;
Ist das Weißbier ausgegangen,
Kannst Du Wasser doch verlangen,
Wenn die Brunnen nicht vorher
Man zum Weißbier schöpfte leer.
Auf Wollanks Weinberg ohne Wein
Wenn an allen Straßen-Ecken,
Um die Neugier zu erwecken,
[44]

Ungeheure Zettel kleben,
Daß man grand Concert wird geben,
Und dort Mozarts Don Juan
Höchst harmonisch hören kann.
Und fährt man nach Stegelitz
Hört man Lavalls muntern Witz;
Weil sein Haus war etwas schmal,
Baut in der Scheun' er einen Saal.
Fährst du nach Schöneberg, kommst du bald
Auch in den schönen Grunewald;
Eierkuchen und Sallat
Speist man dort ganz delikat.
Im Teichmannschen Blumengarten
Muß man oft auf Sitze warten,
Doch bei Liesens an der Panke
Drängt man sich zum Weißbierschanke;
Auch kann man, nicht zu vergessen,
Dort Pökelfleisch und Erbsen essen.
Wenn es dir da nicht gefällt,
So geh nach der neuen Welt,
Spiele Billard, schiebe Kegel.
Oder willst du gar nach Tegel,
So nimm, hast du Appetit,
Essen dir und Trinken mit.
In dem Cirque olympique
Zeigen Künstler ihr Geschick.
Wahrlich, so was sah man nie!
Der gewandte Stephany,
Julius Cäsar Calpestry
Und die kleine Virginie,
Die gar mit Naivetät
Und Bravour auf Pferden steht. -
[45]

Manches allerliebste Mäuschen
Findest du im Eierhäuschen.
Aber auch im neuen Krug
Giebt's Amüsement genug.
Ja, an jedem dieser Orte
Oeffnet stets für Groß und Klein
Das Vergnügen dir die Pforte,
Hast du Geld, so tritt hinein.
Täglich sieht man im Gedränge
Alles aus den Thoren ziehn.
Freud' und Jubel giebt's in Menge
In der Königsstadt Berlin!
In Berlin! In Berlin!

Mimili:
Das muß man gestehen, du hast ein treffliches Gedächtniß. Warst du
denn aber auch an allen diesen Orten?

Felix:
An allen. Ich sage dir, da amüsirt man sich königlich. Göttliche
Mädchen findet man da, Putzmacherinnen, Schneiderinnen, Stickerinnen, -
jetzt ja doch größtentheils Töchter der ehrsamsten Bürger. Das ist eine Klasse
von Frauenzimmern, in deren Gesellschaft ich mich höchst glücklich fühle.
Da kann man doch ein anständig scherzhaftes Wort sprechen; sie sind immer
lustig, heiter, unbekümmert um die Zukunft, stets nur beschäftigt mit der
Gegenwart; sie üben die einzig wahre Philosophie, und genießen des einzig
wahren Glücks! Auch habe ich mich ganz in ihrem Umgange gebildet; alle 8
Tage eine neue Liebschaft; nie eine ernsthafte Liebe; heut führ ich Louisen
nach der Louisen-Insel, morgen Paulinen zu Pauly's in's türkische Zelt; bald
[46]

begleite ich Olympien in's Opernhaus zur Olympia, bald Theresen in's
Königsstädter Theater zur Waise aus Genf. Finden wir beide dann vielleicht
einen reizenderen Gegenstand, der unser Herz entzündet, so zerreißen wir
ohne Groll das Band der Zärtlichkeit, das gewöhnlich nur in einem
Zwirnsfaden besteht, und knüpfen die neue Bekanntschaft an, die vielleicht
einen Tag länger dauert. So macht man die Reihe durch, und welche Weiber-
kenntniß erlangt man dabei, oh oh!

Emil:
Hahaha! du würdest zu meinem Prinzipal, Herrn van der Hort passen,
der hat dieselbe Passion.

Felix:
So? ist dein Banquier ein Liebhaber des schönen Geschlechts? das söhnt
mich einigermaßen mit ihm aus.

Emil:
Ja, er ist ein etwas verjährter Liebhaber, der sich auf eigne Kosten
auslachen läßt.
(Hier öffnet van der Hort die Kabinettsthüre und horcht)
In seiner Jugend - sagt man - hat er, den schönen Weibern zu Liebe,
manche Tollheit begangen, ich glaube aber, er begeht deren jetzt im Alter
noch weit größere; allein als Geschäftsmann versteht er es ganz herrlich,
Gleichgewicht in seine ordentlichen und unordentlichen Ausgaben zu
bringen, denn er ist geizig gegen seine Frau, um großmüthig gegen Andre sein
zu können. - Ueber-
haupt ist finanzielle Berechnung in seinem ganzen Betragen, denn er ist grob
und mürrisch gegen seine Untergebenen im Hause, um außer dem Hause
liebenswürdig zu sein, und ich glaube, er ist nur deshalb dumm und albern bei
[47]



uns, um seinen Huldinnen gegenüber den schönen Geist spielen zu können.

Felix:
Bravo! er ist ein großer Speculant, der einsehen gelernt hat, daß ein
Doppelgeschäft nie einträglich ist. Und seine Gemahlin?

Emil:
Eine herrliche Frau - der übrigens die Aufführung ihres Herrn Gemahls
ganz und gar nicht entgeht, und die, wenn sie ihn einmal zufällig auf der That
ertappte, leicht ein gewichtig Wort sprechen würde. - Doch denken wir an
unseren Abend und wie wir unsre Damen amüsieren wollen.

Felix:
Oh, wir führen sie rund herum; zu Wasser nach Stralow, nach
Rummelsburg etc. Und weißt du was, auf dem Rückwege gehen wir alle zu
der Russischen Kartenlegerin, die aus Kaffeesatz prophezeit - ich sage dir, eine
zweite Pythia. Sie entdeckt dir deine geheimsten Angelegenheiten - wenn ein
Anderer sie ihr vorher mitgetheilt hat. Unter den Damen hier ist Mamsell
Emmeline, eine schmachtende Brünnette, ein köstliches Geschöpf! sie gefällt
mir rasend; wenn ich über ihre oder ihrer Freundinnen Herzens-Geheimnisse
kleine Erkundigungen einziehen, und sie der Kartenlegerin mittheilen könnte
- so würde das einen herrlichen Spaß geben!

Emil:
Du hast recht, das wäre prächtig! aber wie wollen wir etwas erfahren?

Felix:
Wart, wart! vor der Abfahrt versammeln sie sich hier im Arbeitszimmer -
[48]

sind sie alle beisammen, können sie das Plaudern nicht lassen - wenn ich sie
dann irgendwo ungesehen behorchen könnte -
(Hier macht v.d. Hort schnell die Kabinetsthüre zu)
zum Beispiel aus jenem Kabinet -
(deutet nach der linken Seite)

Emil:
Nein, nein, das führt zu Madam Vermont.

Felix:
(auf das Kabinet rechts deutend)

Emil:
Nun, aus diesem. Ja, das geht - herrlich - der Schlüssel steckt
in der Thüre - versteck dich geschwind, denn mich dünkt, die jungen
Mädchen kommen schon.

Felix:
(horchend)
Nein - nein, du irrst dich.

Emil:
Gleichviel - geh nur immer hinein, so kann uns der Scherz nicht
mißglücken.
(er will die Kabinetsthür öffnen, Herr v. d. Hort hält sie aus Leibeskräften,
Emil will den Schlüssel drehen)
Nun - es ist doch nicht zugeschlossen - die Thür klemmt sich ja
teufelsmäßig - aber das müßte doch schlimm sein, wenn ich -
(er reißt gewaltig daran, sie geht auf van der Hort tritt ihm entgegen)
Himmel! mein Prinzipal!
[49]

Neunte Scene.
Vorige. Herr van der Hort.
Nr.9
Mel. Wie? wie? wie? ihr an diesem Schreckensort? etc.
(aus der Zauberflöte)

Emil, Felix:
Wie? wie wie? Herr van der Hort an diesem Ort!

v. d. Hort:
Wie? wie? wie? mein Commis ist noch nicht fort!

Alle drei:
Sieh! sieh! sieh! das ist seltsam auf mein Wort!

Emil, Felix:
Hat er gehört, was wir gesprochen,

v. d. Hort:
Merkt er, daß ich mich hier verkrochen.

Emil, Felix, v. d. Hort:
So ist mir/ihm auch der Stab gebrochen.

Felix:
Frag ihn doch, was er hier will?

Emil:
Liebster Felix, schweige still!

v. d. Hort:
Woll'n Sie mir gefälligst sagen,
Was Sie hier zu suchen wagen?

Felix:
Dieselbe Frage thun auch wir,
Sagen Sie, was thun Sie hier?

v. d. Hort:
Herr, das geht Sie gar nichts an,
[50]

Ich bin ein unbescholtner Mann.

Felix:
Nun, unbescholten sind auch wir
Und ohne böse Absicht hier.

v. d. Hort:
Schon gut! das werd' ich weiter sehn,
Jetzo will ich nach Hause gehn.
(zu Emil)
Ihre Frechheit zu vernichten,
Werd' ich Ihr Betragen richten.

Felix:
Nach meiner Meinung kann allein
Hier Ihre Gattin Richt'rin sein.

v. d. Hort:
(stolz und aufgebracht)
Mein Herr, mit Ihnen red' ich nicht,
Sie sind ein viel zu armer Wicht!

Felix:
(scherzend, zu Emil leise)
Ein Weiser prüft und achtet nicht,
Was der verworfne Pöbel spricht.

v. d. Hort: (zu Felix)
Mosjö, ich verbitte mir jeden anzüglichen Scherz! Sie aber, Herr
Walter, sind von heute an nicht mehr auf meinem Comtoir, und betreten
mein Haus nie wieder! wie gefällt Ihnen das?! Stillschweigen brauche ich
Ihnen nicht anzuempfehlen, denn Sie werden hoffentlich selbst einsehen, wie
sehr Sie Ursache haben, discret zu sein; - wird nur ein Wörtchen von dieser
Aventure
[51]



laut, so wissen Sie, daß ich die Mittel in Händen habe, Sie Ihre
Schwatzhaftigkeit bitter bereuen zu lassen! Wie gefällt Ihnen das!
(ab)

Zehnte Scene.
Emil, Felix.

Felix:
Was will er damit sagen?

Emil:
Die Wahrheit; er hat die Mittel, mich zu ruinieren. Als
vorigen Winter meine Mutter so krank war, hat er mir auf einen Wechsel
mein Gehalt für zwei Jahre vorgeschossen; diese Summe kann ich ihm jetzt
unmöglich zurückzahlen, also muß ich sein Comtoir verlassen, denn es ist
doch besser gar keine Stelle zu haben, als eine in der Hausvogtei.

Felix:
(sich hinterm Ohre kratzend)
Alle Teufel, da hast Du recht! - und - ey was! darum wollen wir nicht
verzweifeln; ich habe nicht viel, aber das wenige will ich mit Dir theilen; ich
biete Dir die Hälfte meines Zimmers an; besonders groß ist es eben nicht,
indeß zur Noth können sich zwei Menschen darin bewegen. Und eine
Aussicht haben wir - Freund - mein Stübchen ist nicht viel niedriger, als die
Singuhr; die ganze Hasenheide können wir übersehen. Komm zu
mir, Freund, wir wollen ein Leben führen, wie die Götter!

Nr.10
Mel. Selig, wer in einer Hütte etc.
(aus Fanchon)
Ja, mein kleines Bodenzimmer
[52]

Mißt nur vier Fuß im Quadrat,
Doch gewährt's einen Vortheil mir immer,
Den man selbst im schönsten Palaste nicht hat.
Wohnt Freud' und Frohsinn in meinem Quartiere,
Nehmen den ganzen Raum sie ein;
Dann bleiben die Sorgen hübsch vor der Thüre,
Denn sie können nicht mehr hinein.

Felix:
Also laß den Kopf nicht hängen, Freund, wir wollen uns schon
durchbeißen.

Emil:
Ach, meinetwegen bin ich unbekümmert, aber die arme, arme
Clementine! - Still, da kommt sie! - Erwähne nichts von dem Vorfalle.

Elfte Scene.
Vorige. Clementine
(mit rothgeweinten Augen).

Clementine:
(verbirgt im Eintreten ihr Schnupftuch)
Nun, da bin ich schon wieder; Sie sehen, daß ich Wort gehalten habe.

Emil:
Aber, was fehlt Ihnen, theure Clementine? Sie haben rothgeweinte
Augen. -

Clementine:
O nicht doch -

Emil:
Sie weinen ja noch - was ist Ihnen? - sprechen Sie - ohne
Scheu - Felix ist mein Busenfreund.
[53]



Clementine:
(schluchzend)
Ach, Herr Walter - ich bin recht unglücklich! ich habe nichts mehr -
ich bin ruiniert!

Emil:
Was sagen Sie?

Clementine:
Die Frau Präsidentin, der ich das Kleid brachte, hat mir erzählt, daß der
Kaufmann, bei welchem mein kleines Vermögen steht, Bankrott gemacht
habe; sie selbst hat eine beträchtliche Summe dabei eingebüßt.

Emil:
Das ist meine Schuld - warum ging ich nicht - auf der Stelle will ich eilen -

Clementine:
Bleiben Sie! Es wäre auch vorhin schon zu spät gewesen.
Ich wollte Ihnen nichts davon sagen, aber ich - bin zu bewegt.

Felix:
Sie verlieren wohl sehr bedeutend?

Clementine:
Ach, der Verlust schmerzt mich nicht so sehr - aber, jetzt, da ich gar
nichts mehr habe - kann ich auch Herrn Walter nicht mehr heirathen.

Felix:
Warum denn nicht?

Clementine:
(weinend)
Nein, mein Herr - ich kann nicht, und ich will auch nicht -
die Mamsells hier sollten aller Welt erzählen, daß ich ihm mein
ganzes Glück verdanke, - daß ohne ihn ich - nein, dazu bin ich zu
stolz. Also, lieber Walter,
[54]

da Sie reich sind, und eine so einträgliche Stelle haben -

Felix:
Heißt: gehabt haben. Fuimus Troes, fuit Ilium!

Emil:
Ich bin weder reich, noch gut placirt.

Clementine:
Wie? Was heißt das?

Felix:
Heißt: daß sein Banquier ihm den Stuhl vor die Thür gesetzt hat - und
daß eine vollkommene Gleichheit unter Euch herrscht - Sie haben nichts, er
hat nichts - so bringt einer so viel wie der andere in die neue Wirthschaft.

Clementine:
(sich die Augen trocknend)
Dem Himmel sei Dank! nun bin ich beruhigt.

Nr. 11
Mel. Einsam bin ich, nicht alleine etc. (Preciosa)
Ha, so trifft doch nicht alleine
Mich des Schicksals schwere Hand!
Einst noch werden Sie der Meine,
Dafür ist Ihr Herz mir Pfand.
Muthig wollen wir ertragen
Was uns traf ohn' unsre Schuld.
Täglich wollen wir uns sagen:
Liebe, Hoffnung und Geduld.

Emil:
(zu Felix)
Herrliches Mädchen! und ich sollte sie nicht lieben!
[55]



Felix:
Du hast recht! sie ist sehr liebenswürdig! Jammerschade, daß du
grade ihr Liebster bist, denn ich bin weg, rein weg!

Clementine:
Uebrigens ist uns auch noch nicht alle Aussicht versperrt. Helene, eine
von unseren Mamsells, wird eine sehr reiche Parthie machen, und hat mir so
eben gesagt, daß sie mich mit nach England nehmen will - dort etabliren wir
uns zusammen.

Felix:
Herrlich - göttlich! - Euer Glück steigt wie ein Phönix neu aus der
Asche hervor - denn ich heirathe so schnell als möglich meine
Reichsgräfin, veräußere ein paar Rittergüter, und schenke Euch sechs bis
achttausend Thaler.

Clementine:
Dann sind wir reicher, als wir je waren!

Felix:
Du siehst also, daß alles reparirt ist - alles, alles finden wir wieder -
Vergnügen, Vermögen, und besonders - Hoffnung! süße Hoffnung - süßer
noch als das Glück selbst; du packst uns mit Allgewalt und erhebest uns zu
Göttern. Was habe ich dir vorhin gesagt, Freund? - Fröhlichkeit, Philosophie
und vor allem - wahrhafte Liebe - hier nur kann man sie finden! -
Gott, wie glücklich bist du! - Jetzt will ich zu meiner Reichsgräfin eilen und
ihr absagen - oder besser ist's, ich sende ihr eine zärtlich Epistel - erdichte
irgend einen Vorwand - meine reichen Verwandten hätten mich eingeladen,
mit ihnen zu gehen, oder was mir sonst einfällt - ah bah! ich werde ihr schon
ein X für ein U machen.
[56]

Nr. 12
Mel. Bairischer Hopswalzer
Ja mit zarten Worten will ich
Meiner Göttin schreiben:
Daß sie heute ohne mich
Sich soll die Zeit vertreiben.
Weint sie,
Meint sie:
Daß ich untreu worden bin,
Will ich
Billig
Morgen ändern ihren Sinn.
Ja bis morgen
Mag sie sorgen,
Heut bin froh und frei ich noch.
Amor's Fesseln,
Hymen's Nesseln
Ketten mich noch nicht an's Joch.
Drum will heute
Im Geleite
Dieser holden Mägdelein
Ich im Trubel
Scherz und Jubel
Einzig mich der Freude weihn.
(Felix ab)

Zwölfte Scene.
Emil, Clementine. Gleich darauf Madam van der Hort
aus dem Zimmer der Madame Vermont. Ihr folgt der Be-
diente mit einem Carton.
57



Emil:
Der Glückliche! er ist ewig heiter und froh!

Clementine:
Auch wir können es mit der Zeit werden!

Mad. v. d. Hort
(in das Zimmer zurückredend)
Alles, was Sie mir gezeigt haben, Madame, gefällt mir ganz
ausnehmend, und ich würde mir gewiß von jedem Zeuge aussuchen, allein
mein Herr Gemahl möchte wohl nie zu bewegen sein, mir ein bedeutendes
Cadeau zu machen. (zum Bedienten) Trage er den Carton in den
Wagen. (Bediente ab.)

Emil:
(sich verbeugend )
Ergebenster Diener, Madame van der Hort!

Clementine:
Wie? Die Gemahlin seines Prinzipals?

Mad. v. d. Hort
Sieh da, Walter! Ist das Comptoir schon geschlossen?

Emil:
O nein - allein - ich - ich darf nicht mehr dort erscheinen. Ihr Herr
Gemahl hat mir den Abschied gegeben.

Mad. v. d. Hort
Wie? das ist wohl nicht möglich? - Ich werde sogleich mit ihm reden, -
er muß Sie wieder annehmen.

Emil:
Ich danke Ihnen gerührt für Ihre gütige Theilnahme, allein ich habe
Ursache zu glauben, daß Ihr freundliches Vorwort diesmal nichts helfen
werde. Doch ersuche ich
[58]

Sie, würdige Frau, den Schutz und das Wohlwollen, das Sie stets für mich
hatten, auf dieses junge Mädchen übergehen zu lassen, das ich binnen Kurzem
geheirathet haben würde, wenn nicht ein unglücklicher Zufall mich um meine
Stelle gebracht hätte.

Mad. v. d. Hort
Von ganzem Herzen, lieber Walter. - Was kann ich für sie thun? - Wer
sind Sie, mein liebes Kind? wie heißen Sie?

Clementine:
Clementine Fermer.

Mad. v. d. Hort
(bewegt)
Clementine Fermer? Wären Sie vielleicht eine Verwandte einer
ehemaligen Goldstickerin, die in der Niederwallstraße wohnte?

Clementine:
Ja wohl, Madame, ich bin ihre Nichte.

Mad. v. d. Hort
(sehr bewegt)
Ihre Nichte?!

Emil:
(zu Mad. v. d. Hort)
Was ist Ihnen, Madame? Sie scheinen bewegt?

Mad. v. d. Hort
O - nicht doch - ich habe ihre Tante gekannt.
(zu Clementinen)
Hatten Sie nicht eine Cousine?

Clementine:
Ja, ein gutes Mädchen, von der ich seit acht Jahren nichts mehr gehört
habe.
[59]

Mad. v. d. Hort
Julie Fermer; ich habe sie im Auslande gesehen - in Amsterdam.

Clementine:
Sie kennen sie? - Sie wissen, wo sie ist? - Ach, Madame, ich bitte, sagen
Sie mir, ist sie glücklich?

Mad. v. d. Hort:
(lächelnd)
Nicht sehr - sie hat eine große Heirath gemacht - sie hat Bediente -
Equipage - ein großes Hotel - und acht Jahre des Glücks haben sie so
verändert, daß Sie - ich bin es überzeugt - sie jetzt nicht wieder erkennen
würden.

Clementine:
Glauben Sie?

Mad v. d. Hort:
Ja. - Ich glaube, daß der Stand einer vornehmen Dame ihr manchmal
sehr zuwider wird - daß - wenn sie Zeit hätte, über ihre Lage nachzudenken,
sie sich vielleicht gar für unglücklich halten würde - wenigstens hat
sie mir dies einmal vertraut.

Clementine:
Wär es möglich?

Mad. v. d. Hort:
Ich kenne ihre Geschichte, sie hat sie mir oft erzählt. Vor acht Jahren
machte ihr ein reicher Banquier einen unwürdigen Antrag - sie wies ihn mit
Stolz zurück - in seiner verliebten Verzweiflung machte er ihr den Vorschlag,
sie zu heirathen, wenn sie ihm in sein Vaterland folgen, und jede Verbindung
mit ihren armen Verwandten abbrechen wolle. Jung und unerfahren - willigte
sie ein.

[60]

Emil:
Nun wird es begreiflich, daß er sie nie nach Berlin reisen ließ.

Mad. v. d. Hort:
Doch, ein einzigesmal seit ihrer Verheirathung. Die Verbannung nach
Amsterdam ist ihr allerdings sehr unangenehm und dennoch ist dies noch ihr
geringster Kummer. Wahrlich, ihrer Sorgen wären nicht wenige, wenn sie
nicht in ihrer jetzigen Herrlichkeit sich noch ein wenig von der Sorglosigkeit
und Philosophie ihres ersten Standes erhalten hätte. Getrennt von ihrem
Vaterlande, von ihren Verwandten und Freundinnen vernachlässigt, ja, ich bin
es überzeugt - sogar hintergangen von ihrem Manne, der sie durch
seine Gleichgültigkeit oder seine Vorwürfe die Thorheit büßen läßt, die
er früher beging, als er sie heirathete - dies ist ihr Loos
- finden Sie es beneidenswerth?

Clementine:
Wahrlich - nein!

Mad. v. d. Hort:
(lebhaft)
Sie haben recht. - Folgen Sie ja nicht dem Beispiele Ihrer Cousine, mein
gutes Kind; bleiben Sie stets in Ihrer Sphäre, heirathen Sie nur einen Mann,
dessen Stand dem Ihrigen gleich ist. Reichthümer machen nicht glücklich;
mancher, um sie zu besitzen, bezahlte sie oft theurer, als sie werth sind.

Clementine:
Meine arme Cousine! - o warum kann ich nicht wenigstens sie einmal
umarmen!
[61]

Mad. v. d. Hort:
Sie wünscht es gewiß eben so sehr, als Sie; daß es nicht geschah, ist
vielleicht mehr Ihre Schuld, als die meiner Freundin. Sie hätten das Haus, das
Sie sonst bewohnten, nicht verlassen sollen, ohne Ihre Adresse dort zurück zu
lassen; Ihre Cousine hätte Sie aufsuchen, Sie unterstützen können, und -
wissen Sie was, liebes Kind, in einigen Tagen reise ich selbst nach Amsterdam,
und wenn
Sie wollen, nehme ich Sie dahin mit, und führe Sie zu ihr.

Clementine:
(freudig)
Wie? ist das Ihr Ernst?

Mad. v. d. Hort:
Ja freilich.

Clementine:
Und Julie wird mich gütig aufnehmen?

Nr. 15
Mel. Und ob die Wolke sich verhülle etc.
(aus dem Freischütz)
Ich bürge selbst mit meinem Worte
Für meiner Freundin treuen Sinn;
Der Reichthum öffnet' ihr die Pforte,
Riß in die große Welt sie hin.
Zwar nah'n ihr Lebenssorgen nie,
Doch mancher Kummer drückt sie.
Ihr fehlt ein traulich liebend Wesen,
Mit dem ihr Gold sie theilen kann,
Sie wird dazu Sie auserlesen;
Genießen wird ihr Glück sie dann,
Wenn, was ihr blinder Zufall bot,
Kann enden ihrer Freundin Noth.
Vorläufig, gutes Mädchen, erlauben Sie mir die Stelle
[62]

Ihrer Cousine bei Ihnen vertreten zu dürfen, und das für Sie zu
thun, was sie selbst thun würde. Sprechen Sie, worin kann ich Ihnen nützlich
sein? Wie ist Ihre Lage?

Clementine:
Die glücklichste von der Welt, wenn ich meinen Walter heirathen kann
- einen andern Wunsch habe ich gar nicht.

Mad. v. d. Hort:
Er soll erfüllt werden. Ich freue mich ordentlich darauf; - Hindernisse
beseitigen - ein Liebespaar vereinigen - lange bot sich mir nicht Gelegenheit zu
solchem angenehmen Geschäft. - Ich fahre nach Hause - rede mit meinem
Manne - und erlange von ihm Ihre Aussteuer - Walters Wiederaufnahme mit
erhöhtem Gehalte.

Emil:
Er wird Ihnen Ihren Wunsch abschlagen.

Mad. v. d. Hort:
Anfangs, ja - aus Gewohnheit - aber ich weiß ein Mittel, ihn zur
Einwilligung zu bewegen. - Ich höre Jemand - geben Sie mir Ihren Arm,
Walter.
(zu Clementinen)
Adieu, liebes Kind, bald bin ich mit guten Nachrichten wieder bei
Ihnen. Adieu! Nach langer Zeit habe ich wieder einmal eine frohe
Viertelstunde erlebt! Kommen Sie!
(Emil gibt ihr den Arm und führt sie ab)
Adieu!

Clementine:
(ihr gerührt nachsehend)
Welch eine vortreffliche Dame! - Welche Güte! welche Großmuth! - Ich
kann mich noch gar nicht in mein Glück finden, es ist mir noch alles wie ein
Traum.
[63]



Dreizehnte Scene.
Helene, Emmeline, Mimili, Aline,Amande, Clementine.

Emmeline:
Clementine! theure Freundin! ist's wahr, was das Gerücht an unsre
Ohren schlagen ließ?

Mimili:
Einer meiner Freunde hat mir im Vorübergehen zugeflüstert, der
Freund des Herrn Walter habe ihm im Vorübergehen zugeflüstert,
daß Ihr Geliebter seine Stelle verloren hätte.

Helene:
Und daß Sie um Ihr kleines Vermögen betrogen worden wären.

Hulda:
Und daß Sie nun keinen Mann bekommen würden.

Clementine:
Man hat Euch die Wahrheit gesagt.

Emmeline:
Ach, wie uns das leid thut!

Helene:
Das Vermögen verlieren, ginge noch an -

Mimili:
Aber den Mann - das schmerzt!

Helene:
Und um so härter, da wir uns jetzt nicht mehr in
Compagnie etabliren können.
[64]

Clementine:
Wie das? Im Gegentheil - jetzt grade dächt' ich -

Helene:
Ach, Sie wissen ja nicht, was mir unterdeß passirt ist. Mein junger
Engländer ist kein Kaufmann, nein, denken Sie sich - er ist ein Mylord. Aus
Delicatesse hatte er mir bis jetzt verschwiegen, allein eben habe ich hier diesen
Brief von ihm erhalten, worin er mir schreibt, daß er mich heute nicht nach
Treptow führen kann, weil ihre Herrlichkeiten, seine Eltern von London
heute mit dem Dampfschiff hier ankämen.

Mimili:
(lachend)
Mit dem Dampfschiff? auf der Spree?

(Während dieser Scene vollenden die jungen Mädchen ihre Toilette.
Emmeline setzt ihren Hut auf, Mimili läßt sich von Clementinen die Schärpe
umbinden, die Uebrigen stehen vor dem Toilettspiegel und arrangiren ihre Haare)

Helene:
Nun, natürlich. Und ihre Herrlichkeiten, Mylord Vater und Mutter,
bringen die Einwilligung zu meiner Vermählung mit; also, wenn's Glück gut
geht, bin ich morgen oder übermorgen schon eine Lady. -

Mimili:
(bei Seite)
Wenn das wahr ist, platz ich vor Aerger!

Helene:
Aber glauben Sie ja nicht, Mamsells, daß ich deßhalb stolzer sein werde!
- nein, meine theuren Freundinnen, ich werde euch nie vergessen, und wenn
ich einmal wieder Berlin mit meinem Besuche beehren werde, sollt
ihr
[65]

mir alle meine Kleider machen - aber darum muß ich bitten,
Mamsell Mimili, daß Sie nicht Hinterstiche wie ein Arm lang machen, und
Hollnäthe, wie eine Faust dick.

Mimili:
(bei Seite)
Das ist nicht auszuhalten!

Vierzehnte Scene.
Vorige. Felix Hilarius.

Felix:
Nun, meine Damen? sind Sie fertig, so können wir aufbrechen. Ah! die
göttliche Emmeline!
(küßt ihr die Hand)

Emmeline:
(ihn präsentirend)
Herr Geheim Secretair Felix Hilarius, ein Freund meines ungetreuen
Meyer.
(Felix und Helene gewahren sich, und bleiben starr vor Erstaunen stehen)

Nr. 14
Mel. Gott, was seh ich? ist's möglich?
(aus der Schweizerfamilie)

Felix, Helene:
Gott, was seh ich? ist's Wahrheit? ist's Traum?
Meinen Augen trau ich kaum!

Helene:
Ist das nicht mein reicher Mylord?
[66]

Felix:
Steht nicht meine Gräfin dort?

Helene:
Ein Geheimer Secretair!

Felix:
Eine Ritt'rin von der Scheer!

Helene:
Ja, ich kann nicht länger zweifeln,
Himmel, mir vergeht der Sinn!

Felix:
Ja, ich seh's bei allen Teufeln,
Daß ich hier betrogen bin!

Die jungen Mädchen:
Ha, die Närrin ist betrogen.
Mylady sind fein geprellt,
Und auf einmal sind verflogen
Dampfschiff, Herrlichkeit und Geld.

Helene, Felix:
Ich stehe erstarrt!

Helene:
Der Palast! die Gelder!

Felix:
Die Güter! die Felder!

Beide:
Ja alles ist fort!
Die Reichsgräfin (der Engländer) dort
Hat mich bloß genarrt!

Helene:
Mir fehlet die Sprache!

Felix:
Ich schluchze - ich lache!
[67]



Helene:
Er trieb nur ein Spiel,
Zu viel ist zu viel!

Felix:
Verfehlt ist mein Ziel.
Meinetwegen! mich ärgert's nicht viel!

Helene:
Ha Verräther! so konnten Sie mich betrügen!

Felix:
Barbarin! so konnten Sie mich hintergehen!

Mimili:
Also dieser ist dein Mylord? hahaha!

Mimili:
Und diese ist Ihre Gräfin? hahaha!

Helene:
Abscheulich! - (spöttisch)
Ihre Herrlichkeiten, Dero erlauchte Eltern sind wohl
noch nicht angelangt, Mylord?

Felix:
Sie verweilen noch ein wenig auf Ihren Rittergütern,
Frau Reichsgräfin!

Alle:
Hahaha!

Hulda:
Wie sie schon einherstolzirte!

Emmeline:
Wie sie so schön die Kleider commandirte!

Mimili:
jetzt darf ich wohl armlange Stiche machen, nicht wahr?
[68]

Clementine:
Mamsells! Mamsells! wer wird so boshaft sein!

Felix:
Heben wir miteinander auf, schöne Helena! eigentlich habe ich mich
mehr zu beklagen als Sie; ich komme um 10,000 Thaler jährlicher Einkünfte,
und Sie verlieren nichts als einen Engländer - den wollen wir bald
wiederfinden. Ich sende also meine Familie mit dem Dampfschiff nach
London zurück, und wenn die Hand eines Expedienten eines Justiz-
Commissarii und Notarii publici Ihnen convenirt, so biete ich Ihnen dieselbe
an, - wohl zu merken, nur zu einer Eccossaise.

Helene:
Lassen Sie mich, Abscheulicher!

Felix:
Reich mir die Hand, mein Leben, komm nach Treptow mit mir! -
Allein - ich höre gräßlich rasseln - sicher ist es Walter mit dem Wagen. - (eilt
an's Fenster)
Nein - es ist ein Landauer - er hält - ein Herr steigt aus - ei, irre ich mich nicht?
nein, nein, es ist derselbe, der vorhin hier im Kabinet versteckt war - Walters
Prinzipal - was will der schon wieder hier?

Clementine:
Herr van der Hort?

Felix:
Er selbst!

Mimili:
Vielleicht hat er uns etwas wegen der Dame zu sagen, die er vorhin so
fürchtete.
[69]

Clementine:
Es war seine Frau.

Emmeline:
Nicht möglich? also hat er uns gefoppt? - das müssen wir ihm vergelten.

Mimili:
Ja, ja; laßt uns die Gelegenheit benutzen.

Felix:
Schön, ich lasse ihn unter Ihren Händen, und drücke mich, denn wir
stehen nicht besonders gut zusammen; ich will nach den Wagen sehen.
(zu Emmeline) Holde Emmeline, vergönnen Sie mir, heut Abend
Ihr Jacob Friburg zu sein. (zu Helenen) Comtesse, Ihr
Demüthigster! Keinen Groll! that would but aggravate our sorrow. J shall do
myself the honour to return to you.

Helene:
Allez-vous en!

Felix:
(geht singend ab)
Die Liebe, ach die Liebe, hat mich so weit gebracht!

Mimili:
Herr van der Hort kommt! Mamsells! kein Mitleid mit ihm!

Helene:
An ihm will ich meine Wuth auslassen!

Fünfzehnte Scene.
Vorige. Herr van der Hort.

Herr v. d. Hort:
Da bin ich schon wieder, meine niedlichen Mamsellchen! wie gefällt
Ihnen das?
[70]

Emmeline:
O ganz außerordentlich! Was steht zu Ihren Diensten?

Herr v. d. Hort:
Ich komme in einer sehr wichtigen Angelegenheit.

Clementine:
Wünschen Sie vielleicht einige neue Kleider zu kaufen?

Hulda:
Die können Sie zu Dutzenden bei uns finden.

Herr v. d. Hort:
Vor allen Dingen bitte ich Sie um die strengste Verschwiegenheit.

Mimili:
Die können Sie bei uns nicht finden.

Herr v. d. Hort:
Doch, doch, meine holden Engelchen! Sie wissen wohl - vorhin das
Abentheuer mit dem Kabinet - wenn sich Einer deshalb bei Ihnen erkundigen
wollte - so müssen Sie dem Spion ein Näschen drehen - wie gefällt Ihnen
das?

Sechszehnte Scene.
Vorige. Madame van der Hort:
Nun, liebe Clement - was seh ich? Sie, Herr Gemahl, an diesem Ort!

Herr v. d. Hort:
Alle Teufel - meine Frau! - wie gefällt Ihnen das? jetzt kann ich ihr
nicht mehr entwischen - ich habe aber auch heute ein Satans-Unglück!
[71]

Mad. v. d. Hort:
Ich fand Sie nicht zu Hause, und wollte Sie so eben bei Ihrem Bruder
aufsuchen, als Ihr Wagen, der unten vor der Thüre hält, mich auf allerhand
seltsame Vermuthungen führte, die mir jetzt zur Gewißheit geworden sind;
ich brauche keinen andern Beweis, als die Verwirrung, in der ich Sie erblicke.

Herr v. d. Hort:
Ich - Madame - ich versichre Sie, daß die Gedanken, die Sie sich machen
- weil - Sie irren sich - denn - wie gefällt Ihnen das?!

Helene:
(die ihren Freundinnen Winke gegeben hatte)
Oh, Madame, wenn Sie wüßten, welche Ursache den Herrn zu uns
führte, so würden Sie nicht mehr zürnen - er hat - wahrscheinlich durch den
Bedienten - erfahren, daß Sie sich heut ein neues Kleid gewünscht haben, und
da wollte er Ihnen eine Ueberraschung bereiten.

Herr v. d. Hort:
Ja - ja - Madame - deshalb kam ich hierher!
(bei Seite)
Gott! wie geschickt sie das machen - oh, diese Mädchen haben eine
Geistesgegenwart -!
(laut) Nun, wie gefällt Ihnen das?

Mad. v. d. Hort:
Sind Sie auch ganz gewiß, daß dies die Ursache seines Besuchs ist?

Helene:
Ganz gewiß! Alles, was der Herr für Madame ausgesucht hat, ist schon
hier bei Seite gelegt worden; belieben Sie gefälligst selbst zu sehen, ob es nach
Ihrem Geschmack ist.
[72]

(Die Mädchen holen eine Menge Cartons, groß und klein herbei)

Nr. 15
Mel. War's vielleicht um eins? war's vielleicht um zwei? etc.
(aus den Wienern in Berlin)

Helene:
Hier ist Nummer eins;

Emmeline:
Hier ist Nummer zwei;

Mimili:
Hier ist Nummer drei;

Clementine:
Hier ist Nummer vier.


Helene:
Ein Kleid von Mousselin;

Emmeline:
Und eins von Levantin;

Mimili:
Hier ein Kleid zum Ball;

Clementine:
Hier ein türk'scher Shawl.

Herr v. d. Hort:
(bei Seite)
Ist's nicht bald all?

Mad. v. d. Hort:
Wie? was bedeutet das?
Ist es Ernst oder Spaß?
[73]

Herr v. d. Hort:
Ernst ist es, theure Gattin!
(bei Seite)
Wie gefällt Ihnen das!

Die Mädchen:
(bei Seite kichernd)
Das fiel ihm wohl nicht ein
Daß er gefoppt sollt' sein,
Wer Andern Gruben gräbet,
Fällt oft selbst hinein.

Mad. v. d. Hort:
(die Sachen wohlgefällig betrachtend)
Wie? das ist alles mein?
Ah, das ist alles sein!
Ah, das ist wahrlich sein!
Sie werden, theurer Gatte,
Meinen Argwohn verzeihn.

Herr v. d. Hort:
(bei Seite, ärgerlich)
Teufel! die sind zu fein.
Ich seh es leider ein,
Daß ich hier der Gefoppte
Allein werde sein.

Helene:
Wir haben das Kostbarste ausgesucht, und dennoch ist
alles sehr wohlfeil; Dero Herr Gemahl zahlen dafür die
Kleinigkeit von 80 Louisd'or!

Herr v. d. Hort:
Ja - es ist Spottwohlfeil - (bei Seite)
80 Louisd'or - eine Kleinigkeit! wie gefällt Ihnen das!
[74]

Helene:
Hier ist Nummer fünf.

Emmeline:
Hier ist Nummer sechs;

Mimili:
Hier ist Nummer sieben.

Clementine:
Sehn Sie, nach Belieben!

Helene:
Ein Kleid besetzt mit Tull;

Emmeline:
Eins von dem feinsten Mull;

Mimili:
Eins von Merino,
Weiß und coquelicot.

Herr v. d. Hort:
Ich schrei Ach! und O!

Mad. v. d. Hort:
(sich gegen ihren Mann verbeugend)
Wie hab ich Sie verkannt!

Herr v. d. Hort:
(gezwungen lächelnd)
Nicht wahr, ich bin galant!
(bei Seite, wüthend)
Da hab ich mir die Finger
Ganz höllisch verbrannt!

Alle Mädchen:
Das fiel ihm wohl nicht ein etc.
[75]

Mad. v. d. Hort:
Teufel! die sind zu fein etc.

Helene:
Nicht wahr, die Sachen sind nach dem neuesten Geschmack? Und die
ganze Rechnung macht 150 Thaler, nicht einen Heller mehr! Nun, Madame,
wie gefällt Ihnen diese Ueberraschung?

Mad. v. d. Hort:
In der That - ich muß gestehen - Herr Gemahl -

Herr v. d. Hort:
O - ich bitte - keinen Dank! - Sind Sie wirklich überrascht?

Mad. v. d. Hort:
Ganz ausnehmend.

Herr v. d. Hort:
(bei Seite)
Ich bin es auch. Wie gefällt Ihnen das!

Mad. v. d. Hort:
(bei Seite)
Ich weiß wahrlich nicht, wem ich eigentlich meinen Dank
abstatten soll? den jungen Mädchen, oder -

Emmeline:
Wenn der Herr die Rechnung gleich bezahlen wollen, Madame ist hier
in Ihrem Zimmer.
(öffnet ihm die Thüre)

Herr v. d. Hort:
Allerdings - ich (bei Seite) Satansmädchen! - (seiner
Frau die Hand bietend)
Wenn Ihnen gefällig ist, so - (indem er sie in
das Zimmer der Madame Vermont führt, bei Seite)

[76]

Ich muß bezahlen - wie gefällt Ihnen das! (ab mit Mad. v. d. Hort)

Siebzehnte Scene.
Die jungen Mädchen.
Alle:
(lachen)
Hahaha!

Clementine:
Wenn die Dame nicht so liebenswürdig wäre, hätte ich den
muthwilligen Streich gewiß nicht zugegeben.

Emmeline:
Ach was! - Aber nun Kinder, holt eure Hüte und eure Parasols! die
Herren werden gleich mit dem Wagen hier sein.

Mimili:
Hulda, vergessen Sie ja nicht, dort meinen Pompadour mit
aufzupacken! (sie hat ihn zu Anfang der 13ten Scene auf einen Tisch im
Hintergrunde gelegt)


Hulda:
(holt ihn von dem Tische)
Mein Gott! der ist ja gewaltig schwer! was haben Sie denn da drin?

Nr.16
Mel. Der Troubadour, stolz auf der Liebe Bande etc.
(Johann von Paris)
Mimili:
Mein Pompadour
Ist voll gepackt mit Kuchen,
[77]

Auf Treptow's Flur
Wollen wir ihn versuchen.
Schöne Natur
Läßt Hunger nicht vergessen,
Drum wollt Ihr essen,
So winket nur;
Der Kuchen steckt im Pompadour.

Alle:
Ja, wenn wir tanzen, springen,
Woll'n wir ihn schon bezwingen,
Drum nimm den Kuchen mit,
Im Freien kommt der Appetit,
Nimm ihn mit
Für unsern Appetit.
(Sie springen alle fröhlich davon; während des Nachspiels kommen Herr und
Mad.v.d. Hort wieder aus dem Seiten-Kabinet; die jungen Mädchen machen ihm
nach dem Takte eine neckend höfliche Verbeugung und tanzen ab)


Achtzehnte Scene.
Herr und Madame van der Hort.
Herr v. d. Hort:
(bei Seite)
Wenn ich mich jemals wieder anführen lasse, so - (indem er seiner
Frau die Hand reicht)
Wollen mir Madame erlauben, Sie an den Wagen
zu führen?

Mad. v. d. Hort:
Noch nicht - Ich habe Sie noch um etwas Zu bitten, und zwar gleich
hier auf der Stelle; da Sie hier so außerordentlich großmüthig sind, werden Sie
gewiß keinen Augenblick anstehen, meine Bitte zu gewähren.
[78]

Herr v. d. Hort:
Ich weiß nicht, Madame, warum Sie mir das in einem so spöttischen
Tone sagen?

Mad. v. d. Hort:
Ganz und gar nicht, ich spreche sehr ernsthaft. - Sie haben dem jungen
Walter den Abschied gegeben -? - weshalb, weiß ich nicht, da er mir es nicht
gesagt hat.

Herr v. d. Hort:
Daran hat er sehr wohl gethan.

Mad. v. d. Hort:
Er ist ein junger, sehr wackrer Mann, für den ich mich interessire; Sie
würden mich daher sehr verbinden, wenn Sie ihn behielten.

Herr v. d. Hort:
Ich möchte es sehr gern, allein - es ist unmöglich - absolut unmöglich -
ich habe es geschworen.

Mad. v. d. Hort:
Daran haben Sie gar nicht wohl gethan.

Herr v. d. Hort:
Warum nicht?

Mad. v. d. Hort:
Weil er bleiben wird!

Herr v. d. Hort:
Element! wie gefällt Ihnen das!

Mad. v. d. Hort:
Ruhig, wenn ich bitten darf, ich bin noch nicht zu Ende. Ich habe
Ihnen ja gesagt, daß ich heute sehr aufgelegt zum Bitten bin. Sie wissen, das
kommt selten an mich, darum muß ich die Augenblicke benützen, in denen
Sie
79



gut disponiert sind. Also - Sie werden Walter behalten, ihm ein anständigeres
Gehalt zusichern, und ihm noch außerdem 5000 Thaler schenken.

Herr v. d. Hort:
5000 Thaler! - wie gef - und wozu das?

Mad. v. d. Hort:
Damit er Clementinen heirathen kann - das junge Mädchen, das vorhin
neben mir stand.

Herr v. d. Hort:
Wie? Clementine? - die Schneider-Mamsell?

Mad. v. d. Hort:
Ja, sie lieben sich wahrhaft und innig. - (mit Anspielung)
Sehen Sie das vielleicht nicht gern?

Herr v. d. Hort:
O - Madame - sehr gern!

Mad. v. d. Hort:
Desto besser - denn Sie mögen erfahren, daß diese
Schneidermamsell meine Cousine ist - meiner Mutter Schwester-
Tochter.

Herr v. d. Hort:
(erschrocken)
Wie gefällt Ihnen das! Sprechen Sie doch nicht so laut! - Was - was sagen
Sie mir da?

Mad. v. d. Hort:
Die genaueste Wahrheit! - Vorläufig ist es noch ein Geheimniß, um das
ich ganz allein weiß; wenn Sie mir aber meine Bitte abschlagen, so
erkläre ich sie laut für meine Cousine, hier, in ganz Berlin, mitten in Ihrem
brillantesten Zirkel - auch in Amsterdam - und um es Ihnen zu beweisen, eile
ich, sie zu holen.
[80]

Herr v. d. Hort:
(hält sie zurück)
Halten Sie ein! - Madame! - um Gotteswillen! - Welchem Ridicule
wollen Sie mich exponiren! was würde die Welt dazu sagen! Ich der Cousin
einer Schneidermamsell! wie gefällt Ihnen das?!

Mad. v. d. Hort:
Es ist ein ehrenwerther Stand.

Herr v. d. Hort:
O ja - mitunter. Walter sie heirathen! wie würde man über diese
Heirath skandaliren!

Mad. v. d. Hort:
Wie so! hat man denn über die Ihrige skandalirt? Und Sie
wissen ja, daß ich selbst eines Goldstickers Tochter bin.

Herr v. d. Hort:
(ängstlich einfallend)
Ja, ja, ich weiß - indeß - Ihre Reize - und die Bedingung, nie davon Zu
sprechen - auch ist Gold immer ein edles Metall - folglich - wer
mit Gold umgeht - immer eine Art Edelmann -

Mad. v. d. Hort:
Wohl! so eile ich meine Geburt und meine Verwandtschaft bekannt Zu
machen -

Herr v. d. Hort:
Nicht doch - ich -

Mad. v. d. Hort:
So entscheiden Sie sich - bedenken Sie, welch ein Opfer ich Ihnen
bringe; Clementine ist meine einzige Verwandte -
[81]



Herr v. d. Hort:
Gott sei Dank!

Mad. v. d. Hort:
Also - Sie willigen ein -? Sie statten meine Cousine aus! Ohnehin muß
es Ihrer Eitelkeit schmeicheln, das Gegentheil von dem zu thun, was häufig
andre Glückskinder thaten. Jene suchen sich mit schwerem Gelde Familie zu
erkaufen, Sie bezahlen, um die Ihrige los zu werden.

Herr v. d. Hort:
Wohlan Madame! ich sehe wohl, ich muß alles thun, was Sie wollen -
doch hoffe ich wenigstens, daß das tiefste Stillschweigen -

Mad. v. d. Hort:
Ich verspreche es Ihnen, und Sie wissen, daß ich mein Wort halten
kann. Clementine ausgenommen, der ich mich zu erkennen geben werde, und
auf deren Verschwiegenheit ich bauen kann, soll Niemand unsre
Verwandtschaft erfahren. Aber, ich warne Sie, geben Sie wohl Acht; wenn ich
wieder einmal Ursache haben sollte, mit Ihrem Betragen unzufrieden zu sein,
so werde ich Rückfälle für meine Familie empfinden, die Sie zittern machen
sollen.

Herr v. d. Hort:
Schweigen Sie, ich bitte, da kommen sie. (bei Seite) Das ist
ein Tag! wie gefällt Ihnen das!

Neunzehnte Scene.
Vorige. Emil, Walter, Clementine, Helene, Emmeline,
Mimili, Hulda, Aline, Amanda.
(mit ihren Hüten und Sonnenschirmen}
[82]

Emil:
(Clementinen am Arm führend)
Wie? Herr van der Hort ist noch hier?

Mad. v. d. Hort:
Ja, mein lieber Walter, er wartete blos auf Ihre Rückkunft, um Ihnen
selbst anzukündigen, daß er Sie mit 800 Thalern Gehalt auf seinem Comptoir
behalten, und Ihnen überdies zu Ihrer Hochzeit mit Clementinen ein Cadeau
von 5000 Thalern machen werde.

Emil:
Wie - es wäre möglich -? ich kann es kaum glauben - o mein Herr -
mein Dank

Herr v. d. Hort:
Schon gut! schon gut!

Clementine:
(Madame v. d. Hort's Hand küssend)
Ach! Sie sind die liebenswürdigste, die großmächtigste Dame, die -

Mad. v. d. Hort:
(ihr den Mund zuhaltend)
Schweig, liebes Mädchen - schweig! Ich habe dir noch ganz andre Dinge
mitzutheilen. Sage deinen Gefährtinnen Lebewohl, und folge mir; ich nehme
dich mit mir.

Clementine:
Morgen, ja - aber heute lassen Sie mich den Tag fröhlich mit meinen
Freundinnen beschließen. (zu ihnen) Nie werde ich die glückliche
Zeit vergessen, die ich mit euch zubrachte, und oft, recht oft werde ich euch
besuchen.
[83]

Herr v. d. Hort:
(bei Seite)
Ich gewiß nicht mehr!

Emmeline:
(ihre Tränen trocknend)
Das ist noch mein einziger Trost - denn ich würde mich nie an den
Gedanken gewöhnt haben, mich für die lange, bange Ewigkeit von Ihnen
getrennt zu sehen!

Mimili:
(weinend)
Ich auch nicht - die liebe, gute Clementine! Empfangen Sie meine
aufrichtigsten Glückwünsche -!

Helene:
(schluchzend)
Ja - unsre Glückwünsche - und unser Lebewohl! (bei Seite)
Die hat einen Treffer! so was würde mir nie passiren!

Alle übrigen:
(traurig)
Wir empfehlen uns Ihnen - wir sind so gerührt!

Clementine:
(eine nach der anderen umarmend)
Meine guten, lieben Freundinnen!

Mimili:
(nachdem sie sie umarmt hat, bei Seite)
Wieder ein neugebackenes Glückskind!

Emmeline:
(ebenso, und auf Mad. v. d. Hort zeigend)
Das ist keine Kunst und gar nicht zu verwundern, wenn die Tugend
von vornehmen Damen in Schutz genommen wird!
[84]

Mimili:
(auf Herrn v. d. Hort blickend)
Und besonders von Banquiers! Ach, wenn doch mich einmal ein
Banquier in Protektion nehmen wollte! aber da kann ich lange warten!

Zwanzigste Scene.
Vorige. Felix Hilarius.
Felix:
Nun, meine Damen - alles ist bereit, wie steht's mit Ihnen?

Emil:
Ach, mein Freund, gut, daß du kommst - ich bin glücklich - selig -
nachher werde ich dir alles erzählen - wünsche mir Glück, ich heirathe.

Felix:
Wahrhaftig? - nun das freut mich von Herzen? - Aber auch du kannst
mir deine Gratulation abstatten. Ich heirathe nicht!

Herr v. d. Hort:
(bei Seite)
Hier so lange unter diesem Plebs stehen zu müssen - wie gefällt Ihnen
das?! (zu seiner Frau) Ihre Chaise steht vor der Thüre, Madame!

Felix:
Drei capitale Einspänner dito, für Sie, meine Damen!
(zu Emmelinen, ihr den Arm bietend)
Kommen Sie, göttliche Emmeline! in Treptow wollen wir von Ihrem
treulosen Meyer reden, der Sie nicht verdiente, und an dem Sie sich rächen
sollten.
[85]

Emmeline:
(seufzend)
Das sage ich mir alle Tage.

Felix:
Morgen führe ich Sie Zu Olivier unter die Linden, wo die rothe
Gardine hängt, zeige Ihnen das Grab der Charlotte Werther, und an der
höhnenden Fackel zünden wir die Flamme unserer Liebe an.

Emmeline.
(ihn liebevoll ansehend)
Ich folge Ihnen dahin!

Helene:
(zu den andern)
Da habt ihr's! sie schnappt ihn mir vom Munde weg! - und heut früh
wollte sie sich noch in die Spree stürzen! O wären doch die Mühlen nicht
geschützt!

Emmeline:
(bei Seite, Felix seufzend anblickend)
Gott gebe, daß dieser mir treu bleibe!

Herr v. d. Hort:
(ungeduldig zu seiner Frau, die während dem mit Clementinen
plauderte)
Nun, Madame! ich bitte, nach Hause, nach Hause!

Clementine:
Und wir, nach Treptow!

Alle:
(vor Freude springend)
Nach Treptow!

Mad. v. d. Hort:
(ihrem Manne die Hand gebend, und die jungen Mädchen sehnsüchtig
betrachtend)
[86]

Ach! wie glücklich sind sie!

Nr. 17
Vaudeville.
Mel. Wenn ich es je vergessen könnte etc.
(Finale aus Belmonte und Constanze)
Emil:
Wo Rang und Reichthum immer thronen,
Stellt oft sich Langeweile ein,
Die wahre Freude herrscht allein,
wo treue Lieb' und Armuth wohnen.
Und schon ein altes Sprichwort spricht's:
Wer nichts besitzt, der fürchtet nichts.

Felix:
Der arme Millionair! mit Sorgen
Bringt er sein ganzes Leben zu,
Sein Geld läßt ihm nicht Rast und Ruh,
Gestohlen glaubt er's jeden Morgen,
Frei ist die Brust des armen Wichts,
Dem stiehlt man nichts, denn er hat nichts.

Mimili:
In schweren, goldgestickten Kleidern
Stehn große Damen steif beim Ball;
Leicht ist das Kleidchen von Perkal,
Das wir zum Tänzchen selbst uns schneidern.
Das goldne Kleid, oft preßt's oft stichts!
Doch hindert uns beim Tanzen nichts.

Mad. v. d. Hort:
So mancher Splitterrichter blicket
Mit Hohn auf keimendes Talent,
Nur mit Verachtung er es nennt
[87]

Und ruht nicht, bis er's unterdrücket.
Selbst glaubt er sich ein Kind des Lichts,
Doch spürt man nach, so weiß er - nichts.

Herr v. d. Hort:
Gar mancher, ohne sich zu schämen,
Borgt oft sich Geld und Geldeswerth;
Man giebt's ihm, weil er uns beschwört,
Sein Ehrenwort als Pfand zu nehmen.
Allein an Ehre oft gebrichts,
Will man sein Geld, bekommt man nichts.
Helene:
Der Mann, der trotzig und verwogen
Der armen Frau Befehle giebt,
Sie zwingen will, daß sie ihn liebt,
Und - stets in Furcht, er sei betrogen -
Sie quält, wie Schergen des Gerichts,
Verdient statt Lieb' und Treue -
(mit einer kleinen Pantomime, als theilte sie Ohrfeigen aus, hält aber inne
und sagt):
nichts!
Clementine:
(an das Publikum)

Leicht lesen wir in Ihren Mienen,
Ob unser Spiel Sie heut ergötzt;
Mit ein'ger Furcht nah ich mich jetzt
Und forsch', ob Nachsicht wir verdienen.
Seh ich Sie heitern Angesichts,
Sind wir beglückt und fürchten nichts.
Ende.

Vorstehendes Vaudeville ward aufgeführt auf den Bühnen
zu Aachen, Berlin, Braunschweig, Breslau, Bremen, Cöln,
Frankfurth, Glogau, Hamburg, Königsberg, Magdeburg,
Minden, Ratibor, Rostock, Riga, Stettin etc.

[88]

Entnommen aus: Julius von Voß: Damenschuhe im Theater. Louis Angely: Die Schneider-Mamsells. Theaterpossen aus dem alten Berlin. Hg. u. eingel. v. Curt Meyer. Berlin 1971. S. 11-88.

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© Helmut Schulze, 2005